Wer keine Haltung zeigt, wird austauschbar (auch als KMU)
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Wer keine Haltung zeigt als KMU, wird austauschbar
Es gibt eine Eigenschaft, die fast jedes KMU hat – und fast keines aktiv nutzt. Keine Frage des Budgets, keine Frage der Grösse, keine Frage der Branche. Es ist Haltung. Und solange sie nicht definiert, nicht gelebt und nicht sichtbar gemacht wird, bleibt sie das, was sie leider meistens ist: ungenutztes Kapital.
Haltung wird oft missverstanden. Als politisches Statement. Als Meinung zu gesellschaftlichen Debatten. Als etwas, das sich nur grosse Marken mit PR-Abteilung leisten können. Das ist falsch – und dieser Irrtum kostet KMUs täglich Vertrauen, Orientierung und Unterscheidungskraft.
Haltung ist kein Statement. Haltung ist ein Entscheidungssystem.
»Haltung ist kein Statement, das irgendwo auf der Website steht. Es ist ein Entscheidungssystem, das du dir selbst gibst – und ein Schutz, den du dir selbst auferlegst.« – Paul
Der entscheidende Unterschied: Ein Statement ist etwas, das man aufschreibt. Eine Haltung ist das, was entscheidet, wie man handelt, wenn es unbequem wird. Welche Kunden nimmt man an – und welche nicht? Wie geht man mit dem Team um, wenn der Druck steigt? Wo zieht man eine Grenze, auch wenn es etwas kostet?
Das sind keine Marketingfragen. Das sind Führungsfragen. Und die Antworten darauf sind die Haltung eines Unternehmens – ob bewusst definiert oder nicht. Jedes KMU hat eine. Die Frage ist nur, ob sie zufällig entsteht oder bewusst gestaltet wird.
Du agierst nie in einem neutralen Rahmen
»Wir leben miteinander. Alles, was ich als Person mache, hat irgendwie eine Konsequenz, für die ich auch geradestehen muss. Genauso müssen das Marken für sich verstehen.« – Paul
Wer glaubt, als Unternehmen neutral zu sein, täuscht sich. Jede Entscheidung sendet ein Signal – nach innen und nach aussen. Wie man das Team bezahlt. Wie man mit Kunden kommuniziert. Ob man Aufträge annimmt, die nicht passen, weil der Monat knapp ist.
Das bedeutet nicht, dass man zu allem eine öffentliche Meinung braucht. Aber es bedeutet, dass man weiss, wofür man steht – und das auch zeigt. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern durch konsequentes Verhalten. Ein einfaches Beispiel: Ein Unternehmen kommuniziert auf der Website per Du, nahbar und menschlich, bewusst so gewählt. Auf der Rechnung steht plötzlich wieder Sie. Das ist kein Detail. Das ist ein Widerspruch – und Widersprüche erodieren Vertrauen, still und stetig.
Warum Branchen an sich selbst scheitern – und was das mit Haltung zu tun hat
»Anstatt zu jammern wie alle anderen, kannst du in deinem Unternehmen einfach andere Standards setzen. Und auf einmal hast du genug Leute.« – Vinz
Schreiner finden keinen Nachwuchs. Gastrobetriebe verheizen ihr Personal. Handwerksbetriebe klagen über Preisdruck. Echte Probleme – aber die meisten Unternehmen in diesen Branchen tun dasselbe: Sie beklagen die Umstände und verändern nichts.
Wer hingegen in seinem Betrieb andere Standards setzt – faire Löhne, klare Strukturen, ein Team das weiss wofür es arbeitet – hat plötzlich keine Probleme mehr mit Nachwuchs oder Fluktuation. Nicht weil die Branche besser geworden ist, sondern weil das Unternehmen eine Haltung hat, die erlebbar ist. Der Unterschied zu den anderen ist nicht das Budget. Es ist die Bereitschaft, klare Kanten zu zeigen – auch wenn es im ersten Moment unbequem ist.
Haltung muss erlebbar sein – sonst ist sie nichts wert
»Wenn du eine Haltung hast, die definiert und klar ist und alle davon wissen, dann musst du sie auch leben. Du übernimmst die Verantwortung dafür, dass sie gelebt wird und funktioniert.« – Paul
Das ist der Punkt, an dem viele scheitern. Werte werden definiert, aufgeschrieben, vielleicht ins Büro gehängt. Und dann passiert im Alltag das Gegenteil davon. Haltung, die nicht gelebt wird, ist schlimmer als keine Haltung. Sie erzeugt Misstrauen – bei Mitarbeitenden, bei Kunden, irgendwann auch bei einem selbst.
Der Weg dahin braucht keine grosse Strategie, aber er braucht Konsequenz. Zuerst: definieren, welche Prinzipien gelten und was passiert, wenn sie unter Druck geraten. Dann: diese Prinzipien in den Alltag übersetzen – in Kommunikation, in Prozesse, in Entscheidungen. Und schliesslich: das Team mitnehmen. Nicht mit einer Präsentation, sondern mit einem echten Gespräch darüber, warum das wichtig ist und was es für alle bedeutet. Wenn das gelingt, entsteht etwas, das man nicht kaufen kann: Orientierung. Nach innen, weil alle wissen, woran sie sind. Nach aussen, weil Kunden spüren, mit wem sie es zu tun haben.
Takeaways
Haltung ist kein Trend und kein politisches Thema. Sie ist das Fundament, auf dem jede starke Marke gebaut ist – bewusst oder unbewusst. Für KMUs bedeutet das konkret: Wer nicht definiert, wofür er steht, überlässt anderen die Deutungshoheit über die eigene Marke. Wer es definiert, gewinnt Klarheit, Schutz und langfristiges Vertrauen – bei Kunden, bei Mitarbeitenden, im Markt.
»Marken mit Haltung sind Marken, die Orientierung geben. Nach innen und nach aussen. Nicht über perfekte Worte, sondern über klare Entscheidungen und sichtbares Verhalten. Für KMUs ist das 2026 kein Luxus mehr – es ist der langfristige Unterschied zwischen austauschbar werden und in Erinnerung bleiben.« – Paul
Jetzt reinhören
Paul und Vinz gehen in Folge 112 tief in dieses Thema – mit konkreten Beispielen aus dem Alltag von KMUs, klaren Schritten zur Umsetzung und der für MMM typischen Direktheit. Wer das Thema Markenhaltung bisher für etwas Abstraktes gehalten hat, wird seine Meinung ändern. Folge 112 gibt es überall, wo es Podcasts gibt – und auf YouTube.
Das Transkript zu E112
Paul: Für diese Folge wirst du mich absolut hassen – und das ist okay. Aber ich muss dieses Thema mitbringen, weil es immer mehr mein Leib- und Magenthema wird. Alle, die mir auf LinkedIn folgen, wissen schon ungefähr, welches Thema es sein wird. Es hat nämlich mit dieser berühmten Haltung zu tun. Mein Lieblingsthema ist aktuell Marken mit Haltung. Ich bin der Meinung, Marken mit Haltung machen nicht nur Marke – die machen auch Zukunft. Dass in Marken so eine Superkraft liegt, die unterschätzt wird, das hatte ich schon mal in einer der letzten Folgen mitgebracht. Und in jedem Interview wird mir das immer mehr bestätigt. In dieser Folge möchte ich damit aufräumen, was hinter Markenhaltung eigentlich steht. Warum das in meinen Augen kein Trend ist – weil dieser Begriff gerade hoch und runter geschraubt wird –, sondern dass es wirklich ein Zukunftselement ist, was KMUs das Überleben sichern kann. Warum ich der Meinung bin, dass es auch für dich und für deine Art von Marke ein Thema ist. Aber das Wichtige zuerst: Erste Bauchgefühlsreaktion – wenn du was hörst von wegen Markenhaltung, wie geht es dir damit?
Vinz: Ich könnte mir nicht mehr gefallen, ehrlich gesagt. Nein, das haben wir ja schon mal in einer Folge geklärt. Generell eine gute, gesunde, nachhaltige Marke sollte ja eine Haltung haben, sollte eine Haltung vertreten. Ich habe auch Haltung – egal ob als Privatperson oder als Marke. Und das braucht es ja. Da stehe ich voll hinter dir. Ich habe aber das Gefühl, die meisten KMUs lassen hier wirklich bares Gold auf der Strecke liegen, weil sie probieren, es allen recht zu machen. Ich habe heute gerade mit einer guten Kollegin darüber geredet – ich durfte ihr damals helfen, als sie sich selbstständig gemacht hat. Wir haben über das Thema geredet, weil sie von einer potenziellen Kundin ein negatives Feedback bekommen hat, weil zum Beispiel die ganze Kommunikation auf ihrer Website in Du-Form ist. Wie ich auch. Dann musste sie sich zwei Stunden etwas anhören. Ich fragte sie, ob sie überhaupt gerne mit dieser Person zusammenarbeiten würde. Sie sagte: nein, auf keinen Fall. Dann sagte ich: dann kann es dir scheissegal sein. Das ist ein negatives Feedback von vielleicht einem von fünfzig. Und der Rest, der das feiert, mit denen arbeitest du gerne zusammen. Das ist auch Haltung, die du nach aussen trägst. Wenn du einfach sagst, wir kommunizieren nur per Du, weil wir nahbar sind, weil wir menschlich sind – das heisst ja noch lange nicht, dass du ein Leichtgewicht bist oder die Qualität nicht stimmt. Im Gegenteil. Das ist bewusst so gewählt. Und ich finde, dort verschenken KMUs – aber auch viele Privatpersonen generell – mega viele Chancen. Anders kann ich es nicht sagen. Was mich an dieser ganzen Debatte stört: Wenn man immer behauptet, nur weil du zu einem Thema keine aktive Position einnimmst, stimmst du automatisch zu oder hast keine Haltung. Das ist Bullshit. Weil keine Haltung haben – bewusst – ist auch eine Haltung. Es setzt mich mit vielen Sachen nicht auseinander, ich weiss, es kostet mir mehr Energie als es mir bringt. Das ist auch eine Haltung. Aber Haltung haben und die gegen aussen zeigen, vertreten und etwas dafür einstehen – das unterschreibe ich.
Paul: Sehr gut. Das Politische – lass es mal aussen vor. Ich finde, es wird oft mit Politik gleichgesetzt, und ich mache das selbst oft zum Thema bei meinem Content auf LinkedIn. Aber diese Haltung – das meinte Enrico auch, als er damals bei uns im Interview dabei war – die haben wir ohnehin alle. Wir haben alle eine Haltung, eine Einstellung zur Welt da draussen, und verhalten uns auch entsprechend. Das Ganze auf eine Marke, auf ein Unternehmen zu übertragen, bedeutet eigentlich nur: Du hast dich mit dir selbst auseinandergesetzt. Was wir in fast jeder Folge als Ausgangspunkt der Markenbildung voraussetzen würden und immer wieder betont haben: Dass du einfach weisst, was dir persönlich wichtig ist. Wie du dich zur Welt verhältst. Und was dir wichtig ist, wie sich dein Unternehmen, deine Marke zur Welt da draussen verhält. Weil du bist ja nie neutral. Es gibt ja nicht nur dein Unternehmen – das hat immer Berührungspunkte mit der Umwelt, mit anderen Menschen, mit anderen Unternehmen. Du musst irgendwie eine Haltung einnehmen. Und das geht nahtlos über in das grosse Thema Positionierung, was man im ersten Moment überhaupt nicht mit Haltung in Verbindung setzen würde. Was aber die Basis oder die Weiterentwicklung von Haltung ist. Dass du – wie bei deiner Kollegin, von der du gerade berichtet hast – ganz klar entscheidest: Sage ich zu allem ja, weil ich es kann? Oder habe ich eine Haltung, die es mir erlaubt, zu bestimmten Dingen auch Nein zu sagen? Das ist genau das, was du auch meinst. Bestimmte Dinge berühren mich persönlich nicht, deshalb muss ich mich dazu auch nicht äussern. Andere Sachen sind für mich aber ganz relevant und wichtig – und dazu muss ich Stellung beziehen. Deswegen ist das ein KMU-Thema dann so weit, dass es sehr oft die eigenen Angestellten betrifft, das eigene Team. Gerade wenn das Team irgendwas von aussen erfährt. Du willst einerseits, dass sie die Marke leben. Auf der anderen Seite bekommen sie Rückmeldung von aussen. Und du willst, dass dein Team sich dazu verhalten kann – und dass es sie gleichzeitig auch schützt. Das ist ein riesengroßes Feld. Ich verbinde es alles mit dieser Haltung und finde sie aktuell wichtiger denn je. Weil alles bunter, wilder, lauter und voller wird. KI ist ein riesengroßes Thema, was uns alle überfordert und überwältigt. Gefühlt poppt jeden Tag die Meldung auf, bald gibt es unsere ganzen Jobs nicht mehr – und dann doch wieder nicht. Und dazu musst du dich einerseits verhalten und andererseits Menschen Orientierung geben. Das ist die Kraft, die KMUs oder Marken allgemein unterschätzen: Wenn sie sich zu etwas bewusst verhalten. Zum Beispiel: Natürlich nutzen wir KI und können dadurch bestimmte Prozesse beschleunigen. Aber der menschliche Austausch mit unserem Zielpublikum ist uns so wichtig, dass wir unsere Service-Abteilung nicht schliessen und durch KI ersetzen werden. Das ist eine Haltung, die eine Konsequenz hat, für die du auch zahlst. Aber das ist gut und wichtig. Dafür mögen dich Menschen – und dafür lebt und steht deine Marke.
Vinz: Wir haben auch mal eine Folge über das Thema gemacht. Viele kleine Unternehmen, KMUs, Selbstständige – die haben immer das Gefühl, so eine Haltung, generell Branding, das ist nur etwas für die Grossen. Das ist der grösste Trugschluss, den es gibt. Die grossen Unternehmen, die Imperien, sind nur so gross geworden, weil sie bewusst Branding und Markenentwicklung gemacht haben – und ihre Haltung konsequent durchgezogen haben. Das ist etwas, worüber ich stundenlang philosophieren könnte. Aber das macht mich auch immer ein bisschen traurig. Viele haben nicht den Mut, klare Kanten zu zeigen. Das muss nicht immer laut, schrill und bold sein. Es kann auch sehr reduziert und trotzdem sicher sein. Aber mach es halt einfach. Weil sonst lässt man sehr viele Chancen und Potenziale liegen. Das ist vor allem in meiner Branche so – mit dem ganzen Nostalgischen. Da blutet mir das Herz, wenn ich sehe, wie viel besser es eigentlich gehen könnte. Und dem ganzen Unternehmen, der ganzen Branche würde es gut tun.
Paul: Ja, und gerade in deinem Bereich: Die meisten haben das ja irgendwo. Die stehen für bestimmte Werte, denen ist das wichtig. Und dann beziehen sie keine Haltung, machen bei irgendwelchen Trends mit, sagen dasselbe, was alle anderen auch sagen – dass KI furchtbar ist, dass man nicht die richtigen Leute findet, dass der Preisdruck steigt –, statt sich dazu zu verhalten. Und wenn du diese Haltung lebst und zeigst, aber vor allem lebst, dann gibt es diesen schönen Effekt: Du gibst anderen Leuten Orientierung. Man weiss, woran man ist. Das ist ganz oft bei nostalgischen oder Heritage-Brands der Fall – dieses Vertrauen, das man aufbaut. Und das ist genau diese Ehrlichkeit, die wir alle schätzen und mögen.
Vinz: Ja, genau. Aber das hat eigentlich jedes Unternehmen. Und es ist einfach schade, wie du sagst: Das meiste ist ja eigentlich immer irgendwo vorhanden. Aber es wird wie selten aktiv wirklich genutzt. Dabei ist es gar nicht so schwierig. Das versuchen wir hier ja auch immer ein bisschen zu vermitteln. Es ist keine Hexerei. Es ist einfach nur bewusstes Machen.
Paul: Ich habe drei Hauptgedanken mitgebracht. Der erste geht direkt in die gleiche Richtung: Haltung ist nichts Grosses oder Kompliziertes. Es ist kein Statement, was irgendwo auf der Website steht. Es ist eher dieses Entscheidungssystem, das du dir selbst gibst – und ein Schutz, den du dir selbst auferlegst. Du stehst zu dir selbst und stehst für dich ein – und damit auch für alle, die mit dir zusammenarbeiten und zusammen schaffen. Das ist dieser Teamgedanke, der dann aufkommt: Wie bei einer Fussballmannschaft oder einem Sportverein – wir können das nur gemeinsam erreichen. Deshalb helfen, unterstützen und schützen wir uns gegenseitig. Deshalb stehen wir zu den Werten und leben sie. Manche davon sind sogar unausgesprochen. Wenn du das aber definierst, können sich alle Entscheidungen daran ausrichten. Das ist gerade wichtig für neue Leute, die ins Team reinkommen. Oder wenn du allgemein neue Leute suchst. Oder wenn du mit deiner Marke eine Geschichte erzählen möchtest. Dann sind es diese Grundsatzfragen: Wozu entscheiden wir uns? Wozu sagen wir Nein, wozu Ja? Was ist uns wichtig? Wie reagieren wir, wenn besonders viel Druck ist? Wo ziehen wir eine klare Grenze? Das ist alles Haltung – und die kann man definieren, damit alle wissen, woran sie sind.
Vinz: Genau. Spart halt einfach Ressourcen. Punkt.
Paul: Sehr gut. Der zweite Grundgedanke: Man ist niemals in einem neutralen Rahmen unterwegs. Das hatte ich vorhin schon angedeutet. Das ist der Punkt, der oft mit Politik verwechselt wird. Letztlich ist alles politisch, weil wir als Gesellschaft zusammenleben. Aber ich will nicht in metaphilosophische Debatten abdriften. Wir leben miteinander. Wir müssen irgendwie miteinander klarkommen. Alles, was ich als Person mache, hat irgendwie eine Konsequenz, für die ich auch geradestehen muss. Genauso müssen das Marken für sich verstehen. Wenn sie als Unternehmen irgendwas tun, wird das eine Konsequenz haben. Die kann man einplanen und einrechnen – und für die kann man geradestehen. Das bezieht sich auf ökologische Aspekte, wirtschaftliche Aspekte, soziale Aspekte. Bis hin zu Kampagnen. Wenn du sagst, »Wir sind das geilste Unternehmen«, dann musst du damit rechnen, dass Leute ankommen und sagen: Nein, seid ihr nicht. Was sind deine Arbeitsbedingungen? Wie geht ihr im Team miteinander um? Wie ist eure Kultur? Welches Verhalten legt ihr an den Tag? Wenn ihr euch gegenseitig anbrüllt, dann wird eure Marke anders wahrgenommen, als wenn ihr ein wertschätzendes Miteinander habt – und das im Umkehrschluss auch von eurer Kundschaft erwartet. Das sind Dinge, die zusammenführen. Kein neutrales Gebilde. Leute kommen von aussen, arbeiten mit euch zusammen, gehen wieder. Wir tragen alle unsere Rucksäcke mit.
Vinz: Ich muss noch etwas Wichtiges ergänzen. Generell: Unternehmen, die es konsequent machen würden, hätten sehr viel Einfluss auf ihre jeweilige Branche. Da rede ich von Branchen wie Gastro oder Bau, die immer ein bisschen am Jammern sind. Sie finden keine Leute, keinen Nachwuchs. Gewisse Gewerke haben wirklich hundsföttische Mindestlöhne. Du hast zum Beispiel die Maurerbranche, die recht gute Löhne hat wegen der Gewerkschaft. Und dann hast du zum Beispiel Schreiner – die haben das nicht. Und anstatt zu jammern wie alle anderen, kannst du in deinem Unternehmen einfach andere Standards setzen. Und auf einmal hast du genug Leute. Das muss nicht immer zwingend nur mit dem Lohn zusammenhängen, sondern generell mit den Umständen im Unternehmen. Ich habe eine Geschichte schon ein paar Mal erzählt: Das typische Thema, bei dem alle die Hände verwerfen und sagen, »Das geht bei uns nicht« – gleitende Arbeitszeiten. Und dann hörst du von anderen Unternehmen, da geht es auf einmal. Und die haben keinen Mangel an Mitarbeitenden. Da wartet man nicht ein halbes Jahr, bis man ein Projekt anfangen kann. Dort funktioniert es. Und das sind immer so Sachen, bei denen ich denke: Gut, du hast die Möglichkeit, einfach Ja und Amen zu sagen zu allem, was alle beklagen. Oder du kannst selbst sagen: »Ich habe die Verantwortung für meine Marke, für mein Unternehmen – ich mache es anders als alle anderen.« Dann hast du in der Regel eben nicht diese Probleme. Gastro genau das Gleiche. Die meisten Läden haben einfach keine klaren Linien in ihrem Betrieb. Dann hast du zusammengewürfelte Leute, niemand weiss genau was, jeder macht nach bestem Wissen und Gewissen. Das ist Bullshit. Dann hast du immer Probleme. Immer am Lösen. Den Leuten geht es irgendwann auf die Nerven, sie werden krank. Und wenn zwei Personen ausfallen, schuften sich die anderen den Arsch auf. Dann merkt man auf einmal, es geht ja auch mit weniger Personal – und verheizt damit das ganze Team. Es sind alles kleine Sachen, die sich summieren. Da vermisse ich manchmal gesunden Menschenverstand. Es war sehr kritiklastig, Entschuldigung. Aber das musste ich loswerden. Marken haben es in der Hand. Und durch eine gesunde Haltung können sie viel bewirken.
Paul: Ja, und das passt perfekt zum dritten Gedanken, den ich mitgebracht habe: Eine Haltung muss erlebbar werden. Sonst bleibt es wirklich nur ein nettes Statement auf der Website oder ein Marketing-Trick. Gerade wenn du sagst, wie in der Gastro Leute verheizen – dann kannst du das Ganze von hinten aufwickeln. Warum hast du denn dieses Restaurant? Warum ist dir wichtig, dass Leute zu dir essen kommen? Was sollen die dort für ein Erlebnis haben? Und dann machst du das nicht alleine, sondern mit deinem Team – und überlegst, was ihr ihnen bieten wollt. Um das bieten zu können, was braucht ihr? Wie wollt ihr miteinander umgehen, um das leisten zu können? Und auf einmal kommst du dahin, dass zu wenig Pausen ein Problem sind, oder die Schichten zu lang, oder zu viele Leute in der kleinen Bar und zu wenig Personal. Und auf einmal kann man überlegen, wo man Verantwortung übernimmt. Letztlich geht es immer darum: Wenn du eine Haltung hast, die definiert und klar ist und alle davon wissen, dann musst du sie auch leben. Du übernimmst die Verantwortung dafür, dass sie gelebt wird und funktioniert. Und wenn sie für dich nicht stimmig ist, kannst du sie anpassen. Das sind keine Handschellen, die du dir anlegst, sondern eine Orientierung. Alle, die mit dir zusammenarbeiten – in der Gastro, auf dem Bau, wo auch immer –, schaffen gemeinsam etwas. Denn das ist ja der Witz an der Arbeit: Leute tauschen Zeit gegen Geld, um gemeinsam etwas herzustellen. Und es geht um mehr als einen funktionierenden Lohn. Alle die arbeiten, sind Teil von etwas Grösserem. Das herauszuarbeiten und zu sagen: Warum ist das wichtig? Was für eine Stellung nehmen wir ein? Wo übernehmen wir Verantwortung? Wie wollen wir das gemeinsam gestalten? Das klingt vielleicht ein bisschen gross, aber am Ende ist das auch bloss in einem Workshop definiert. Wenn ihr Unterstützung braucht, fragt Vinz an, fragt mich an. Wir helfen dabei. Dann habt ihr es definiert. Dann können sich alle daran orientieren. Und dann wird eure Marke automatisch anders wahrgenommen, anders gelebt und kommt anders rüber. Und das ist doch der schöne Teil, warum man den ganzen Spass macht. Deswegen sehe ich da diese Superkraft drin.
Vinz: Genau. Was ist denn der nächste Schritt?
Paul: Um das umzusetzen, hätte ich noch drei kleine Schritte mitgebracht. Erstens: Definieren. Also ganz konkret sagen, welche Prinzipien gelten bei uns – und welche ziehen wir vor allem dann durch, wenn es unbequem wird? Das kann so simpel sein wie: Ich duze hier alle. Ich sitze nur mit Menschen zusammen, die ich mag – und mit Menschen, die ich nicht mag, arbeite ich auch nicht zusammen. Fertig. Das ist eine Grenze, die dich selbst schützt und im Zweifel auch alle, die in deinem Team sind. Zweitens: Übersetzen. Das Ganze in den Alltag übertragen. Beim Du-Beispiel bleibend: Dann duzen wir natürlich auch auf der Website und auf der Rechnung. Warum soll man auf der Rechnung auf einmal siezen? Das macht keinen Sinn. Es fängt damit zusammen, ein kohärentes Erlebnis zu haben und zur Haltung zu stehen. Das kann man auf alle anderen Aspekte durchdefinieren. In Bau oder Schreinerei: Wenn die Löhne schlecht sind, druck höhere Löhne durch, nimm ein grösseres Auftragsvolumen an, sprich mit den Kunden darüber, was die Konsequenz ist, wenn deine Leute schlecht bezahlt sind und kein gutes Ergebnis liefern können. Dann liegt es in der Kommunikation, in der Verpackung – und vielleicht gibt es noch andere Hebel. Drittens: Menschen mitnehmen. Und zwar nicht mit erhobenem Zeigefinger. Einfach das Team einbeziehen und einen Raum eröffnen, in dem man ein ähnliches Gespräch führen kann. Wo Leute ihre Ängste, Wünsche, Bedürfnisse kundtun können. Und das eher als gemeinsames Vorankommen definieren: »Wir können hier Dinge gemeinsam besser machen. Das schützt uns. Das bringt uns als Marke weiter. Und dadurch wird unsere Zielgruppe besser erreicht und hält langfristig zu uns.« Das sind die Punkte, die langfristig eine Marke mit Haltung voranbringen. Du stärkst das Vertrauen nach innen und nach aussen. Du bist für eine Sache bekannt, weil du für sie einstehst. Das ist langfristiges Kapital – und das kannst du zwar schnell einreissen und brechen, aber wenn du zu deinen Werten stehst und einen guten kommunikativen Umgang damit findest, dann ist das Gold wert.
Vinz: Ja, kann ich gar nichts mehr dazu sagen. Hast alles schon gesagt. Also einfach: klar definieren und die Eier haben, es durchzuziehen. Auch wenn es mal etwas kriselt. Alles andere bringt nichts, wenn man wegen jedem Gegenwind das Gefühl hat, alles über den Haufen werfen zu müssen. Das ist eher suboptimal.
Paul: Dazu passt noch mein Abschlusssatz: Marken mit Haltung sind Marken, die Orientierung geben. Nach innen und nach aussen. Nicht über perfekte Worte, sondern über klare Entscheidungen und sichtbares Verhalten. Für KMUs ist das 2026 kein Luxus mehr – und auch nichts Politisches. Es ist der langfristige Unterschied zwischen: ihr werdet austauschbar. Oder ihr bleibt in den Köpfen eurer Zielgruppe und gebt dort Orientierung.
Vinz: Mhm.
Paul: Jetzt bin ich gespannt, wie andere Leute zu dem Thema Markenhaltung denken. Ich finde, es wird noch zu wenig darüber geredet. Sehr oft ist es im Politischen verstrickt – wo es auch Punkte gibt, die ich wichtig finde. Aber ich wollte es heute mal von der anderen Seite aufrollen und zeigen, dass für alle wertvolle Möglichkeiten drinstecken, sich zur Welt da draussen zu verhalten. Und das müssen wir alle irgendwie.
Vinz: Aber nicht zu allem und jedem.
Paul: Immer. Danke dir fürs Einordnen, Vinz.
Vinz: Easy. Danke vielmals – und bis zum nächsten Mal. Ciao!
Paul: Bis dahin, ciao!






































































































