Du brauchst kein Branding — aber diese 3 Dinge (für deine Gründung)
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Du brauchst kein Branding — aber diese 3 Dinge für deine Gründung
Wer sich selbstständig macht oder mit seinem Branding in der Gründung steckt, steht früh vor der gleichen Frage: Was brauche ich eigentlich, um loszulegen? Und meistens beginnt dann eine Suche, die in eine von zwei Richtungen führt — beide sind falsch.
Die eine Richtung heisst Perfektion. Logo, Website, Strategie, Corporate Design — alles muss sitzen, bevor der erste Kunde kommen darf. Monate vergehen. Und die Kunden? Kommen nicht, weil man noch nicht fertig ist. Die andere Richtung heisst Drauflosstürmen. Kein Fokus, keine klare Zielgruppe, kein Angebot, das irgendjemand auf Anhieb versteht. Man ist aktiv, man ist sichtbar — aber niemand weiss so recht, wofür.
Beide Fehler kosten mehr, als sie bringen. Und beide lassen sich vermeiden — ohne grosses Budget und ohne 20'000-Franken-Brandingprojekt. Was du am Anfang brauchst, sind drei konkrete Dinge. Nicht mehr.
1. Eine klare Zielgruppe und ein Hauptangebot
Das klingt nach Grundschulwissen. Ist es aber nicht — weil die meisten es trotzdem nicht tun.
»Ich mache Websites, Logos, Social Media, Marketing und Beratung. Für alle.« Das ist kein Angebot. Das ist eine Liste. Und Listen überzeugen niemanden.
Der Unterschied wird klar, wenn man es zuspitzt: »Ich helfe IT-Unternehmen, über ihre Website mehr Kunden zu gewinnen.« Plötzlich ist klar, wer gemeint ist, was das Ergebnis ist, und warum man genau diese Person braucht. Das Angebot dahinter kann identisch sein — aber es wirkt komplett anders.
Die Fragen, die dabei helfen: Wem will ich konkret helfen? Wobei helfe ich denn wirklich? Und warum genau ich und nicht jemand anderes?
Wer sich dabei schwertut, kann es auch umgekehrt angehen: Für wen will ich explizit nicht arbeiten? Was mache ich bewusst nicht? Manchmal ist das Weglassen die stärkere Aussage als das Aufzählen. Eine Designagentur, die sagt »Wir machen alles — ausser Websites«, hat sofort eine klare Linie. Und die Leute, die das lesen, wissen sofort, ob sie gemeint sind.
2. Ein kohärenter Auftritt — nicht ein perfekter
»Menschen entscheiden in einer Sekunde, ob sie Vertrauen haben — oder nicht. Das ist kein Branding-Mythos. Das ist wie das Gehirn funktioniert. Und deshalb ist der erste Eindruck nicht verhandelbar — auch wenn du kein Apple-Budget hast.«
Was aber nicht stimmt: dass ein kohärenter Auftritt teuer ist. Er muss nur konsequent sein.
Das heisst in der Praxis: ein sauberes Logo — auch eines, das du selbst mit Canva gemacht hast, wenn es einfach und klar ist. Zwei, drei Farben, die immer gleich verwendet werden. Eine, maximal zwei Schriften. Ein paar Bilder, die denselben Stil haben. Und eine klare Sprache — eine Art, wie du redest und schreibst. Fertig. Wirklich.
Ein Hinweis, der gerne übersehen wird: Logos, die mit KI-Tools generiert wurden, sind in der Regel nicht schützbar. Kein geistiges Eigentum, kein Rechtsschutz. Wer auf Nummer sicher gehen will, fährt mit einer reinen Wortmarke besser als mit einem schicken, aber ungeschützten KI-Logo.
Und wenn das Design stimmt, aber die Sprache darunter leidet — dann hat das Design verloren. Kein Mensch liest weiter, wenn die Seite nicht funktioniert. Design öffnet die Tür, aber die Geschichte dahinter entscheidet, ob jemand reinkommt.
3. Eine klare Richtung — nicht ein fertiger Plan
Wofür stehst du? Wie willst du wahrgenommen werden? Wo willst du in zwei, drei Jahren stehen? Das klingt nach grossem Strategiepapier. Ist es aber nicht. Es geht nicht darum, alles vorauszuplanen. Es geht darum, eine Richtung zu kennen — damit jede Entscheidung, die du triffst, in dieselbe Richtung zeigt.
»Branding ist wie eine Wanderung, wo man losgeht und ein klares Ziel vor Augen hat. Du weisst, wo der Weg langgeht — und lässt dich nicht ablenken. Es wird immer wieder Kreuzungen geben, verlockendere Abzweigungen. Aber du hast dein Ziel vor Augen.«
Eine klare Richtung ist keine Einschränkung. Sie ist eine Arbeitserleichterung. Sie macht Entscheidungen einfacher — weil du weisst, was reinpasst und was nicht. Was dein Angebot weiterentwickelt und was dich bloss ablenkt. Was ein guter Kunde ist und was einer, den du lieber weiterempfiehlst.
Und wer denkt, das sei das Shishi von Branding — das Soft-Zeugs, das man sich später leisten kann —, übersieht, warum grosse Unternehmen gross geworden sind: nicht weil sie besser waren, sondern weil sie konsequenter geblieben sind.
Worauf du am Anfang verzichten kannst
Drei Dinge, die regelmässig Zeit, Geld und Energie fressen — ohne echten Gegenwert:
Perfektion. Sie ist meistens keine Qualitätsforderung, sondern eine Vorschubhandlung. Man feilt am Logo, weil man sich vor dem Verkaufen fürchtet. Man wartet auf die perfekte Website, weil man noch nicht bereit ist. Der grosse Tag, an dem sich alles ändert, kommt nicht. Du wirst nie fertig — und das ist kein Fehler des Plans, sondern ein Zeichen, dass man einfach loslegen sollte.
15 verschiedene Angebote. Es hilft niemandem — auch nicht dir. Ein klares Hauptangebot ist stärker als eine Serviceliste, die alles aufzählt und nichts erklärt. Wer alles anbietet, macht sich damit nicht grösser. Er macht es den Leuten schwerer, Ja zu sagen.
Die Corporate-Design-Bibel. Du brauchst kein 80-seitiges Designdokument. Logo, Schrift, Farbe — das passt auf einen Post-it. Und wenn es darauf passt, hält man sich auch daran.
Was du dir früh holen solltest
Einen Blick von aussen. Jemanden, der nicht im Thema drinsteckt — und trotzdem (oder gerade deshalb) sofort erkennt, ob dein Auftritt verständlich ist. Ob klar wird, was du anbietest. Ob alles zusammenpasst.
Das ist der blinde Fleck, den man aus dem eigenen Inneren nie sieht. Man steckt zu tief im eigenen Kopf, im eigenen Angebot, in den eigenen Überzeugungen. Und wer am tiefsten drinsteckt, braucht den Blick von aussen am dringendsten.
Takeaways
Starke Marken entstehen nicht auf einmal. Sie wachsen Schritt für Schritt — aber nur, wenn der Boden stimmt. Klare Zielgruppe, kohärenter Auftritt, eine erkennbare Richtung: Das ist das Fundament. Alles andere kommt danach. Und das Gute: Das kostet kein Vermögen. Es kostet vor allem Klarheit.
Jetzt reinhören
In Folge 117 reden Paul und Vinz durch, was Gründer:innen am Anfang wirklich brauchen — und was kompletter Overkill ist. Direkt, konkret, ohne Bullshit. Inklusive einer ehrlichen Geschichte darüber, wie man wochenlang an einem Logo feilen kann, das man danach nie wieder verwendet.
Das Transkript zu E117
Vinz: Wenn du dich selbstständig machst oder ein Unternehmen gründest, brauchst du am Anfang kein riesiges Brandingprojekt. Das heisst, du brauchst kein Strategiepaper mit irgendwie 150 Seiten, keine Imagekampagne und kein Designsystem für die nächsten 10 Jahre. Aber du brauchst etwas anderes. Du brauchst nämlich ein Fundament, das dich trägt. Und darum soll es in der heutigen Folge «Mach mal Marke» gehen.
Du brauchst keine 20'000 Franken Branding am Anfang, aber du brauchst drei konkrete Sachen. Und im besten Fall kannst du das sogar selber machen. Lieber Paul, wenn ich jetzt hier teasere — drei — kommen dir da spontan drei Sachen in den Sinn, die du jetzt einmal vorweggreifen könntest?
Paul: Eigentlich wollte ich das für heute einmal nicht machen, aber danke für die Einladung dazu. Ich finde es ein gutes Thema. Ich glaube, du meinst mit den drei Sachen nicht so was wie Klarheit, Fokus und Mut, sondern wahrscheinlich eher so was wie: Du brauchst eine klare Substanz — also das Wissen, worum es geht —, eine klare Linie in der Kommunikation, und dann musst du einfach machen. Oder bist du noch näher in die Tiefe gegangen? Jetzt bin ich selber ein bisschen neugierig.
Vinz: »Hä, du — es geht so in die Richtung.« Du weisst ja, dass ich gerne ein bisschen praktisch denke und man soll das Zeug auch anwenden können. Das haben wir uns ja auch gross auf die Stirn geschrieben. Aber es geht schon ein bisschen in diese Richtung rein. Genau.
Paul: Dann magst du direkt loslegen?
Vinz: Soll ich einfach mal rein? Heute mal ohne langes Vorgeplänkel. Genau. Was meine ich damit? Es gibt aus meiner Erfahrung heraus — egal ob mit Selbstständigen oder mit Unternehmen, vor allem die, die sich am Anfang selbstständig machen oder gründen — die, die ganz am Anfang stehen, machen in der Regel einen von folgenden zwei Fehlern.
Fehler Nummer 1 ist: Sie wollen alles perfekt haben. Das sind quasi die typischen Töpflischeisser, wie wir in der Schweiz sagen. Also egal ob Logo, Website, Fotos, Strategie — sie wollen alles bis zum Peak ausreizen. Und das Problem ist: Monate vergehen und keine Kunden. Das heisst, sie halten sich mit unnötigem Bullshit auf, was schon relevant ist, aber nicht so relevant, dass man nicht einfach mal machen könnte.
Muss ich ehrlich sagen — ich war auch schon in diesem Fall. Vor allem wir als Kreative wissen das ja. Es sollte ja dein eigenes Aushängeschild sein. Und dort verzettelt man sich dann extrem.
Paul: Ja. Und ich dachte, du meinst jetzt mich direkt — weil ich natürlich immer noch oft da drin bin und mich in irgendwas verfange. Zum Glück habe ich dann dich als Gegenpart, der mich ermahnt und meint: Mach halt die eine Sache fertig, die dir wirklich wichtig ist. Man verzettelt sich immer in Dinge. Und ich glaube, der grösste Trugschluss ist: Man braucht nur noch die eine Sache, dann wird alles anders. Und dann kommt der grosse Tag, an dem sich alles grundlegend ändert — und der Tag kommt einfach nicht.
Du wirst einfach wirklich nie fertig. Und da auch aus eigener Erfahrung ein Beispiel: Ich hatte mir vor über zwei Jahren mal einen kleinen Arbeitsraum, ein kleines Büro gemietet und habe das als Anlass genommen, meine Selbstständigkeit nochmal neu aufzuziehen und mir ein eigenes Logo zu machen, weil ich mir dachte: Fürs eigene Büro brauche ich ja auch ein Schild, da brauche ich ein Logo. Und auch da gingen Wochen ins Land, wo ich an diesem Logo gefeilt habe. Das war die ganze Zeit im Hinterkopf — auch wenn nicht super viele Arbeitsstunden reingeflossen sind, war halt ein Thema, was mich blockiert hat. Und dann hatte ich das Logo, dann hatte ich das Schild — und dann habe ich das Logo nie wieder verwendet. Wirklich. Es ist eigentlich schade drum. Weisst du — schade um die Dinge, die einen aufhalten, die man Jahre später eigentlich überhaupt nicht braucht.
Vinz: Es gibt aber noch einen zweiten Fehler. Und das ist das komplette Gegenteil: einfach losrennen. Also kein Fokus, keine Zielgruppe, kein klar definiertes Angebot. Sondern halt so eine Hau-Ruck-Aktion. Und jeder versteht etwas anderes. Und wie so oft im Leben gibt es halt kein Schwarz oder Weiss — der einfache Weg liegt irgendwo dazwischen. Darauf will ich eingehen. Was ist denn wirklich relevant? Was braucht man am Anfang? Soll ich mal anfangen?
Paul: Eine Sache habe ich noch. Wir sind ja jetzt etwas aktiver auf Spotify, und da gibt es eine Umfragefunktion. Ich werde für die Folge mal eine kleine Umfrage starten, in welcher Kategorie ihr euch eher verorten würdet: Die Personen, die nicht fertig werden mit einem Thema und sich in kleinen Details verzetteln, sodass einfach Jahre ins Land gehen — oder die andere Fraktion, die sagt, ich rausche da viel zu schnell durch und achte nicht auf die entscheidenden Details. Und je nachdem, welche Gruppe da gewinnt, können wir nochmal eine einzelne Folge zu bestimmten Sachen machen. Also kleiner Call to Action: Wenn ihr uns schon keine Kommentare schreibt, dann nutzt doch mal das Feature.
Vinz: Yes. Genau. Gut — gehe ich mit dem ersten Punkt. Das haben wir auch schon x-mal angesprochen: Du brauchst eine klare Zielgruppe und ein Hauptangebot. Das ist in meinen Augen einer der wichtigsten Punkte überhaupt. Also nicht einfach sagen, ich mache alles für alle — das wäre die typische Buchhaltungslage —, sondern sich selber die Frage stellen: Wem will ich konkret helfen? Wobei helfe ich denn? Und warum genau ich und nicht meine Mitbewerber? Und da muss man nicht die Welt neu erfinden. Es können auch einfach stinknormale Dienstleistungen sein, aber es soll verdammt nochmal klar sein: Klarheit, Einfachheit. Und wenn das stimmt, kann man weitergehen.
Ein schlechtes Beispiel — bei dem wir beide auch mal waren: Ich mache Websites, Logos, Social Media, Marketing und Beratung. Von mir aus noch irgendwas anderes. Für alle. Das ist vermutlich das, was jede Kreative am Anfang macht. Gut wäre zum Beispiel: Ich helfe IT-Unternehmen, über ihre Website mehr Kunden zu gewinnen. Das ist etwas ganz anderes, es ist viel spitzer. Aber gleichzeitig schränkt man sich selbst kaum ein. Es ist zwar nicht perfekt, aber es ist verständlich. Und jeder, der sich angesprochen fühlt, den hast du in der Regel. Genau.
Paul: Und falls es so schwer ist, sich für jemanden oder für eine Gruppe zu entscheiden, kann man auch die umgekehrte Übung machen: alle aufschreiben, für die man nicht arbeiten möchte. Das kann auch etwas damit zu tun haben — da hatten wir in der letzten Folge mal drüber geredet —, kann was mit Werten zu tun haben, kann sich auch aufs Angebot fokussieren. Zu sagen: Wir sind Designer, machen aber explizit keine Websites. Auch damit kann man punkten — wenn man sagt, alle machen alles, wir machen alles, aber keine Websites. Wäre auch eine charmante Differenzierung. Und darum geht es ja letztlich. Das für sich auch zu manifestieren, damit man sich daran orientieren kann.
Vinz: Genau. Punkt 2 wäre in meinen Augen ein kohärenter Auftritt. Damit meine ich: Man muss nicht aussehen wie Apple. Aber alles, was man hat — egal ob Website, Logo, Text, Fotos —, es muss irgendwo zusammenpassen. Man muss eine Verbindung herstellen, man muss einfach sicherstellen, dass es zusammengehört, dass eine Linie gefahren wird. Warum? Weil Menschen in einer Sekunde entscheiden, ob sie Vertrauen in diese Firma, diesen Selbstständigen, diese Selbstständige haben — oder eben nicht. Und das ist halt, warum Design einen wesentlichen Platz in diesem Spiel einnimmt.
Das ist wie bei den Leuten auch: Der erste Eindruck zählt, und den kriegst du selten weg. Was reicht aber in der Regel? Du brauchst einfach ein sauberes Logo. Das kann sein — keine Ahnung — kannst du von mir aus selber mit Canva machen, kannst Vorlagen nehmen oder einfach eine Schrift, die dir gefällt, und du schreibst den Namen hin. Scheiss egal. Aber einfach etwas, das klar und einfach ist. Einfach, dass du etwas hast. Dann brauchst du 1, 2, 3 definierte Farben — und dann werden aber auch nur diese Farben verwendet. Dann hast du deine eine oder zwei Schriften, ein paar gute Bilder, die durchgehend im gleichen Stil sind, und einfach eine klare Sprache, eine klare Art, wie du kommunizierst. Fertig. Mehr brauchst du nicht.
Paul: Ja, ich würde sogar noch weiter reduzieren — also lass das mit den Logos. Baut vor allem keine Logos mit KI, denn die sind später nicht schützbar. Wenn es zu einem Rechtsstreit kommen sollte, kann das auf die Füsse fallen. Also egal wie gut du promptest — es ist kein geistiges Eigentum von dir. Dann lieber kein Logo, sondern eine reine Wortmarke bilden. Dann lieber darauf achten, mit allen Design-Elementen so reduziert wie möglich umzugehen: eine Farbe, eine gute Schrift, die zu mir passt, wie du meintest, kohärente Bilder. Vielleicht ein Stil — wenn einem das schwer fällt, sich sogar das Geld nehmen, einen halben Tag Shooting zu investieren, sodass man einfach eine gute Bildauswahl von sich selbst hat. Gerade wenn es erklärungsbedürftige Sachen sind, wie zum Beispiel: Ich baue Websites. Also klar, das ist jetzt nicht so erklärungsbedürftig, aber hat auch keine krasse Bildgewalt, die man gross aufzeigen kann. Dann lieber die frei gewonnene Zeit in die Geschichte stecken. Und da kann ich nur nochmal die Folgen mit Michi empfehlen, die Folgen von dir zum Thema Storytelling — überlegen, wie kann ich das, was ich mache, so gut formulieren, dass Leute es gerne lesen? Weil dann wird alles — Design ist zweitrangig —, ausser, und da würde ich wirklich ein grosses Ausser hinschreiben, du baust so viel Design da rein, dass es den ganzen Fluss behindert. Also dass es die Leute abschreckt, auffällt, dass man nicht weiterliest. Und wir alle urteilen innerhalb von Zehntelsekunden, ob wir auf einer Seite bleiben oder nicht. Dann kann die Geschichte noch so schön sein — liest sie dir nicht durch, wenn die Seite nicht gut funktioniert.
Vinz: Punkt 3. Das predigen wir auch immer wieder: eine klare Richtung haben. Und das vergessen nach wie vor extrem viele. Du musst halt wissen, wofür du stehst. Wer bist du da? Wie willst du wahrgenommen werden? Und vielleicht sogar auch: Wo willst du in zwei, drei Jahren stehen? Warum? Jede wirtschaftliche Entscheidung, die du triffst, zahlt darauf ein. Sie sollte überall spürbar und erkennbar sein — auf deiner Website, deine Kunden sollten es checken, in deinem Angebot sollte es spürbar sein und Sinn machen. Aber auch deine Mitarbeitenden sollten an der gleichen Vision teilhaben, damit sie einen Grund haben, wirklich auch Power zu liefern. Das sagte auch Henning im Interview, das wir letztes Mal hatten. Das wird von vielen Unternehmen immer als das Shishi abgetan. Aber sie unterschätzen extrem die Macht dahinter. Warum sind Konzerne so gross? Weil sie solche Sachen vielfach eben auch kohärent umsetzen.
Wenn man blind drauflosgeht, wenn man keine Richtung hat, dann verliert man sich in 10'000 verschiedenen Sachen oder dreht sich ewig im Kreis. Mit diesen drei Dingen kommt man schnell ans Ziel.
Paul: Da würde ich noch ergänzen, wenn ich darf: Man sollte das weniger als Einschränkung verstehen, sondern mehr als Arbeitserleichterung für sich selbst. Du setzt dir einen bestimmten Rahmen, innerhalb dessen du dann so gut wie möglich arbeiten kannst. Du ebnest dir wirklich die Richtung — du machst es wie eine Art Zielsetzung. Wir sagen ja immer, Branding ist wie eine Wanderung, wo man losgeht und ein klares Ziel vor Augen hat. Du weisst, wo der Weg langgeht, und dann gehst du diesen Weg einfach und lässt dich nicht ablenken. Es wird immer wieder Kreuzungen geben, immer wieder einen schöneren Ausblick in irgendeine Richtung, eine verlockendere Abzweigung, eine verlockende Hütte irgendwo — aber du hast dein Ziel vor Augen, also geh auch einfach dahin. Und ich sage das auch gerade zu mir selbst, weil ich mir da selbst schwertue und mich schnell ablenken lasse und denke, da ist noch eine coole Möglichkeit, da noch ein Feature, da könnte man noch was machen. Plötzlich geht es meist nur um ganz wenige Dinge. Und der entscheidende Faktor ist da wahrscheinlich Loslassen. Loslassen von den Verlockungen — hin zu sagen: Ich will da ankommen, also gehe ich jeden Tag auf den Platz und mache was dafür.
Vinz: Ich habe noch drei Punkte, auf die man am Anfang verzichten sollte. Das ist zum einen Perfektion. Es interessiert sich keine Sau dafür. Das sind meist Kleinigkeiten, bei denen man sich aufhält — die auch wie Vorschubhandlungen funktionieren, um dem Wesentlichen aus dem Weg zu gehen.
Punkt 2 wäre: keine 15 Angebote schnüren oder anbieten. Das haben wir auch schon gesagt — es hilft niemandem. Es reicht in der Regel einfach ein Hauptangebot. Und wenn man trotzdem ausweiten will, oder wenn es sehr vielfältig ist — wie zum Beispiel bei uns im Bereich Branding —, dann sollte man es so gekonnt beschreiben, dass man sich selbst nicht einschränkt, dass man diese Werkzeuge oder Angebote immer noch anbieten kann, aber man verschleiert sie unter einem Deckmantel, unter einem Begriff. Zum Beispiel bei uns: Branding. Wir machen auch Strategie, Kommunikation, Design, Webdesign — und was weiss ich. Aber es ist halt Branding, es gehört zur Marke.
Ich weiss nicht — an einer Autogarage könntest du sagen: Wir machen Autopflege. Dann hast du die mechanischen Arbeiten drin, die Metallbauarbeiten, Lackieren, Feintuning, was auch immer. Ihr wisst ja, was ich meine.
Paul: Ja, beschreib das so, dass es die Leute verstehen. Ich dachte mir erst gestern wieder — ich hatte eine Website gesehen von einer anderen Branding Agency, und die hat einfach alle Dienstleistungen aufgelistet, die sie anbietet. Und das ist natürlich ein Brett. Das macht auch was her, muss ich sagen. Also so die Auflistung — Markenentwicklung, Markenstrategie, Markenführung, Brand dies, Brand das, Brand jenes. So und das ist eine richtige Ansage gewesen, vor allem weil es irgendwie zwei Personen waren, die dahinterstehen. Und man denkt sich: Keine Ahnung, was die ganzen Begriffe bedeuten. Selbst ich frage mich, was bedeutet das wohl für die — weil wir alle irgendwie andere Sachen da rein interpretieren. Und bei einer Autowerkstatt wäre das ja genau das Gleiche. Du hast dann irgendwie eine Serviceliste. Das führt aber auch dazu, dass du das Gefühl hast, du musst jetzt prüfen, ob der Service mit dabei ist. Denn die schreiben ja so viel hin. Was ist denn, wenn die eine Sache, die ich mir wünsche, da nicht auftaucht — dann machen sie es wahrscheinlich auch nicht. Also dann scheint es ihr komplettes Angebot zu sein, und wenn eine Sache fehlt, dann Pech gehabt.
Du kannst aber auch beschreiben, was du letztlich für die Menschen da draussen erfüllst. Und als Autogarage wäre das: Dein Wagen fährt wieder, und sieht dabei sauber aus. Egal, womit du zu mir kommst, wir finden eine Lösung für dein Problem. Und am Ende hast du einen Wagen, der dich ans Ziel bringt. Ganz einfach. Also dann bringst du es halt so auf den Punkt. Wir machen das jetzt schon eine ganze Weile, und da sind im Laufe der Zeit so viele Formulierungen durchgelaufen, wo wir überlegt haben: Wie kann man beschreiben, was Marke wirklich ausmacht? Was ist der Vorteil davon? Wie geht man damit um? Es hält deinen Laden am Laufen. Oder: Es führt dazu, dass du die richtigen Leute erreichst. Es gibt auch da wieder lautere Beschreibungen — die einen funktionieren besser, die anderen schlechter. Du musst halt gucken, was dich auch abholt und wo du dazu stehen kannst.
Vinz: Und was deine Zielgruppe anspricht. Dritter Punkt auf der Verzichtsliste: Du brauchst keine verdammte Corporate-Design-Bibel. Braucht man einfach nicht. Wie gesagt — Logo, Schrift, Farbe, fertig. Vielleicht noch Bildwelt.
Paul: Ja, also ganz ehrlich: Das passt auf den verdammten Post-it.
Vinz: Das wäre es schon von mir gewesen — haben wir es doch sehr schnell heute. Was ist das? Ich glaube, das ist die kürzeste Folge bis jetzt.
Paul: Ja, weil ich die ganze Zeit husten muss, Vinz. Ich kann heute nicht lang am Stück reden.
Vinz: Ja, Gott steh uns bei! Also einfach zusammengefasst gesagt: Wenn man am Anfang ein bisschen Budget investiert — dann ist das am Anfang viel sinnvoller als ein riesiges Brandingprojekt zu starten. Dann reicht es, sagen wir mal, 2'000–5'000 Franken, und du hast eine gescheite Grundlage. Vielleicht einfach einen einfachen One-Pager. Aber du hast Klarheit, hast ein Angebot, hast einen Auftritt, der sauber ist, die Leute vertrauen dir. Das ist eine gesunde Grundlage. Alles andere kann man darauf aufbauen — kann man dann weitermachen, wenn es darauf ankommt. Wenn man dann auf einmal an dem Punkt ist, wo man Mitarbeitende braucht. Oder wenn man merkt, man muss das Angebot trotzdem etwas erweitern oder was auch immer — dann macht es Sinn.
Abonniert, ciao.
Paul: Das Einzige, was direkt am Anfang Sinn macht — und das hatte Henning auch in dem Gespräch mit ihm betont —, ist, sich einen Blick von aussen zu holen. Also hol dir irgendeine Person, der du das mal zeigen kannst, die nach Möglichkeit nicht im Thema drinsteckt und die beurteilen kann: Versteht sie, was du da anbietest und was du machst? Und passt das auf den ersten Blick alles zusammen? Weil das sind meist die Punkte, die man selbst nicht mehr sieht — ob das zusammenpasst oder nicht. Und ich meine, das ist unser Beruf — wir sehen das sehr schnell.
Also falls mal jemand einen Blick von Profis haben will: Schreibt Vinz an, schreibt mich an, guckt mal auf unsere Websites, ob wir das schaffen, gut zu beschreiben, was wir anbieten. Davon kann man auch sehr gut abgucken. Wenn ihr Kritik findet, könnt ihr uns das auch so schreiben — immer her damit, weil auch wir davon nicht frei sind. Auch wir gucken einander über die Schulter und schauen, dass man das auf den Punkt bringt. Weil man verstrickt sich selbst im Kopf immer viel zu schnell. Und der andere Fehler: Man steckt halt viel zu tief drin im eigenen Thema und vergisst, worauf es eigentlich ankommt, wenn man von dem Thema keine Ahnung hat, aber einfach die Unterstützung braucht.
Vinz: Genau. Ja, vielleicht noch etwas bildhafter gesagt: Eine starke Marke entsteht selten auf einmal oder sofort. Sie wächst Schritt für Schritt. Und wie bei jedem starken, grossen Baum — der braucht einen guten Boden, bevor er überhaupt gross werden kann. Und hier nochmal der Hinweis: Verschwendet nicht euer Geld für unnötige Dinge. Ihr braucht auch nicht 5 Logo-Varianten. Clean, sexy, easy, simple — und dann ist das gut.
Paul: Einfach machen. Falls da irgendjemand Unterstützung braucht, meldet euch, schreibt uns an. Und falls ihr nach der Folge das Gefühl habt, da fehlt genau noch das Wissen zu einem bestimmten Thema, schreibt uns das — dann machen wir nämlich eine eigene Folge dazu. Und ansonsten: Bewertet den ganzen Spass und hinterlasst ein Abo. Das hilft nämlich, dass mehr Leute in ihrer Selbstständigkeit nicht verzagen und verzweifeln.
Vinz: Yes. Genau. Yes, danke vielmal — und dann würde ich sagen: bis zum nächsten Mal.
Paul: Danke, Vinz!
Vinz: Ciao.






































































































