Warum Ungeduld deine Marke zerstört — und dein Kind auch (Brand Fathers Special)
- 5. Juni
- 17 Min. Lesezeit
Geduld ist Arbeit
Es gibt eine Qualität, die erfolgreiche Unternehmer und gute Väter gemeinsam haben. Sie wird selten genannt, weil sie sich nicht gut anfühlt, nicht nach Fortschritt aussieht und sich in keiner Kennzahl abbilden lässt.
Es ist Geduld. Nicht die passive Art — einfach abwarten und hoffen. Sondern die aktive: dranbleiben, ohne zu zerren. Führen, ohne zu erzwingen. Präsent bleiben, wenn man am liebsten Druck machen würde.
Wer zieht und rüttelt, zerstört
Das Paradoxe an Ungeduld ist, dass sie sich nach Engagement anfühlt. Man tut etwas. Man zeigt Einsatz. Man will vorwärtskommen. Aber in Wirklichkeit beschleunigt Ungeduld meistens nur den Zerfall von dem, was eigentlich wachsen will.
»Wer ständig an allem zieht und rüttelt, nur weil es nicht schnell genug wachsen kann, zerstört meistens genau das, was ein bisschen Zeit und Pflege braucht.«
Das gilt für eine Pflanze im Garten. Es gilt für ein Kind, das gerade etwas lernt. Und es gilt genauso für eine Marke, die noch nicht da ist, wo man sie haben möchte.
Der Fehler liegt nicht im Wollen. Er liegt im Erzwingen.
Entwicklung lässt sich führen, aber nicht befehlen
Viele Unternehmen machen denselben Fehler, den überforderte Eltern machen: Sie schlagen ständig neue Richtungen ein, weil das, was sie haben, sich nicht schnell genug entwickelt. Neue Ideen, neue Strategie, neues Bild nach aussen. Nicht weil es falsch wäre, was sie tun — sondern weil sie dem Prozess nicht vertrauen.
Das Resultat: keine Linie, keine Ruhe, kein Vertrauen. Weder in die Marke noch in die Menschen dahinter. Geduld ist auch Vertrauen. Wer geduldig ist, signalisiert: Ich glaube daran, dass das, was wir tun, funktioniert — auch wenn ich es noch nicht sehe.
»Ein Vater fragt nicht jeden Tag, warum die Pflanze noch nicht grösser ist. Er giesst sie, schaut nach ihr, wartet. Das ist keine Schwäche, sondern gelebte Verantwortung — also Haltung.«
Doppelter Einsatz, doppelte Zeit
Es gibt eine alte Geschichte über einen Schüler, der zum Meister geht und fragt, wie lange es dauert, bis er so gut ist wie er. Der Meister sagt: zwanzig Jahre. Der Schüler fragt, was passiert, wenn er doppelt so viel investiert, weniger schläft, weniger pausiert. Der Meister antwortet: dann vierzig Jahre. Paul kennt dasselbe Prinzip aus dem Spitzensport:
»Die Pausen sind Teil des Trainings. Das ist im Profi- und Spitzensport fixer Bestandteil. Und genauso sollte man mit der Marke umgehen.«
Wer Pausen als Verlust verbucht, hat Entwicklung noch nicht verstanden. Regeneration ist kein Stillstand. Sie ist der Moment, in dem das Gelernte sich setzt.
Investieren statt fordern
Der Unterschied zwischen einem guten Vater und einem überforderten liegt oft nicht im Wollen, sondern im Fokus. Der eine fragt: Was bringt mir das Kind gerade? Der andere fragt: Was braucht das Kind gerade, um zu wachsen? Dieselbe Frage gilt im Unternehmen. Was braucht die Marke jetzt — nicht was soll sie mir morgen liefern?
»Ein Kind lernt nicht durch Druck, zu vertrauen. Und Mitarbeiter auch nicht. Vertrauen entsteht durch Verantwortung geben, durch Fehler zulassen, durch Zuhören und Ernstnehmen.«
Das sind keine weichen Werte. Das sind Führungsentscheidungen. Und sie brauchen alle dasselbe: Geduld.
Klarheit und Geduld sind kein Widerspruch
Geduld bedeutet nicht, alles durchgehen zu lassen. Ein guter Vater setzt Grenzen — nicht weil er Macht ausüben will, sondern weil Struktur Sicherheit gibt. Kinder brauchen sie. Mitarbeiter auch. Und eine Marke ebenso. Das eine schliesst das andere nicht aus. Wer klare Linien hat, kann geduldig sein, ohne weich zu wirken. Wer keine Linien hat, verwechselt Geduld mit Beliebigkeit.
»Es geht darum, dass alle wissen, dass es die Regeln gibt — und warum es sie gibt. Ausgehend vom grossen Ziel.«
Nicht Kontrolle um der Kontrolle willen. Sondern Orientierung, die Entwicklung erst möglich macht.
Ruhig bleiben, wenn es hektisch wird
Das Schwierigste an Geduld ist nicht die ruhige Phase. Es ist der Moment, wenn es kriselt.
Wenn Aufträge fehlen, Mitarbeiter kündigen oder der Markt sich dreht — dann ist der erste Reflex Hektik. Neue Strategie. Neue Ausrichtung. Alles auf einmal. Haruck-Aktionen aus der Hüfte.
Dasselbe passiert Eltern, wenn ein Kind austickt. Man eskaliert. Man droht. Man macht Lärm.
Beides löst nichts. Es verschlimmert.
»Schritt zurück, kurz durchschnaufen, den Moment sacken lassen — und dann wieder rein. Das klingt beschissen einfach. Aber es ist etwas vom Schwierigsten.«
Emotionen sind chemische Prozesse. Sie dauern etwa 90 Sekunden — wenn man sie nicht selbst verlängert. Wer das weiss, kann entscheiden, ob er mitgeht oder wartet, bis der Sturm vorbei ist.
So geht Geduld in der Markenführung
Wachstum lässt sich führen, nicht erzwingen. Weder bei Kindern noch bei Marken. Du kannst fördern, unterstützen, Richtung geben — aber nicht beschleunigen auf Kommando.
Pausen sind Teil der Entwicklung. Wer sie weglässt, verlangsamt sich. Das gilt im Sport, in der Marke und im Familienalltag.
Geduld braucht Klarheit. Ohne Struktur wird Geduld zu Beliebigkeit. Mit Struktur wird sie zur stärksten Führungsqualität, die du haben kannst.
Ruhig bleiben ist eine Entscheidung. Keine Technik, kein Talent. Eine bewusste Wahl, die man üben kann — und muss.
Vertrauen entsteht durch Investition, nicht durch Forderung. Wer immer nur will, bekommt irgendwann nichts mehr zurück.
Jetzt reinhören
Paul und Vinz reden in dieser Brand Fathers Folge offen darüber, wo ihnen Geduld selbst schwer fällt — als Väter und als Unternehmer. Keine Ratgeberstunde, sondern ein ehrliches Gespräch über eine Qualität, die unterschätzt wird, weil sie sich nicht nach Fortschritt anfühlt. Lohnt sich für alle, die dringend Geduld in der Markenführung brauchen.
Das Transkript zu E114
Vinz: Wer ständig an allem zieht und rüttelt, nur weil es nicht schnell genug wachsen kann, zerstört meistens genau das, was eigentlich ein bisschen Zeit und Pflege braucht. Und wir als Väter wissen, dass Entwicklung nicht erzwingbar ist. Es braucht Zeit, braucht Pflege und es braucht Geduld. Und das nicht nur beim Kind, sondern eben auch bei einer Marke. Aber viele probieren es trotzdem. Weil sie das Resultat so schnell wie möglich haben wollen. Lieber besser, sofort sichtbar und sofort erfolgreich sein. Und genau dort wird es hektisch. Und Hektik macht in der Regel vieles kaputt. Und eben genau das, was man eigentlich nicht will. Für die heutige Folge habe ich ein neues Thema für die Rubrik Brand Fathers mitgenommen: Geduld. Und warum sie euch als Väter, respektive Eltern, und als Unternehmer besser macht. Lieber Paul, Frage an dich: Wann warst du das letzte Mal so richtig ungeduldig? Entweder mit deinen Kids oder mit deiner Marke. Hau mal raus!
Paul: Was für ein schönes Thema. Natürlich kommt mir das sehr bekannt vor vom Elternsein, vom Papasein, vom Alltag. Es gibt wahrscheinlich fast jeden Tag einen Moment, wo ich ungeduldig bin, weil irgendetwas lange dauert. Sei es, wenn sie früh losgehen in den Kindergarten oder in die Schule und das einfach ewig dauert, bis alle parat sind oder nicht fertig werden mitspielen oder was auch immer. Du kennst die Situation genauso wie ich. Es gibt genug Momente, wo man ungeduldig ist. Es gibt auch genug Tricks, dagegen anzukommen. In der Theorie kennen wir die alle: durchatmen, du musst in dir selber ruhen, mit deinem Kind klarkommen und so weiter. Im Alltag ist es manchmal einfach nicht drin. Und ich glaube, das ist auch okay. Wir müssen nicht immer perfekt und ausgeglichen sein. Man kann auch mit Kindern darüber reden und kommunizieren, welche Bedürfnisse und Gefühle man als Elternteil gerade hat und wie es einem damit geht. Geduld ist natürlich eine Stärke und eine Tugend, aber auch nicht immer ganz so leicht von der Hand. Ich hatte noch ein anderes Bild im Kopf. Geduld haben wir aktuell als Herausforderung auch im Garten, weil wir da recht viel neu gestaltet haben, einen naturnahen Garten angelegt und geplant haben. Und da würdest du am liebsten auch an allen Pflanzen ziehen, damit da endlich eine richtig schöne Hecke draus entsteht. Das braucht natürlich viel mehr Geduld. Und da bin ich beim letzten Bild, das mir noch im Kopf ist. Wir sagen ja ganz oft, Branding ist eine Art Wanderung. Und ich finde das so schön, weil Marathon oder Sprint immer impliziert, dass du irgendwo ankommen möchtest. Bei einer Wanderung ist das Ankommen nicht das primäre Ziel. Man muss nicht auf Krampf innerhalb der nächsten zwei Stunden eine Hütte oder einen Berggipfel erreichen, sondern der Weg dahin ist gleichzeitig das Ziel und das Erlebnis. Man kann sich jetzt eines dieser Bilder raussuchen, ob Kindergarten oder Berge — aber es hilft.
Vinz: Ja, es ist so. Es ist wieder mal so ein kitschiger Kalenderspruch, der einem eigentlich speiübel wird. Aber es ist so, wie du gesagt hast: Der eigentliche Weg ist das Ziel. Ich weiss es von mir selber. Wenn man ungeduldig ist oder am liebsten alles schon sofort fertig hätte, egal ob bei der Marke, bei einem Projekt oder mit dem Sohn. Dann hilft es, wie du gesagt hast, innezuhalten, auch wenn es schwierig ist. Und auch das zu schätzen, was es gerade ist. Die Situation, die einen ungeduldig macht, in eine Chance verwandeln. Zu sagen: Hey, jetzt kann ich einem Kleinen etwas beibringen. Oder wir können zusammen etwas auf die Beine stellen, ein kleines Projekt. Und das Gleiche bei einem Projekt oder einer eigenen Marke. Zu sagen: Okay, jetzt stehe ich gerade irgendwo an. Jetzt ist vermutlich wieder der Zeitpunkt, zu reflektieren und Sachen neu zu machen. Dann merkt man auf einmal, dass das etwas Schönes ist. Sich diese Zeit zu nehmen, Dinge zu etablieren, die einen langfristig weiterbringen. Ich habe es mal so zusammengefasst: Geduld heisst nicht, einfach nichts zu tun und passiv zu sein. Geduld heisst, nicht hektisch zu werden, wenn es Zeit braucht. Sondern sich bewusst darauf einzulassen, auf diesen Moment oder auf diese Etappe. Gute Väter und gute Unternehmerinnen und Unternehmer verstehen: Tiefe Entwicklung passiert langsam, die braucht Zeit. Dann habe ich noch eine Geschichte mitgebracht. Quasi: Wenn der Schüler zum Meister geht und fragt, wie lange es dauert, bis er so gut ist wie er. Der Meister sagt: zwanzig Jahre. Und dann fragt der Schüler: Wie lange dauert es, wenn ich doppelt so viel investiere, weniger schlafe, weniger Pause mache und jeden Tag das Doppelte tue? Der Meister antwortet: vierzig Jahre. Das ist das Paradoxe. Es braucht Geduld, es braucht auch Pausen. Wir haben mal eine Folge darüber gemacht. Es braucht einfach den Moment, an dem man sich die Zeit nimmt. Indes — in Hektik und in irgendwelchen Haruck-Aktionen verkackt man meistens mehr, als man erschafft.
Paul: Das kann ich nur bestätigen. Ich muss bei diesem Punkt noch daran denken, dass es auch im Spitzensport genauso funktioniert. Du kannst den Schlaf skippen und Pausen skippen und einfach durchgehend trainieren, aber dadurch wirst du weniger Erfolg haben, als wenn du diese Pausen und Auszeiten mitdenkst. Im Profi- und Spitzensport ist es fixer Bestandteil, zu sagen: Die Pausen sind Teil des Trainings. Und genauso sollte es mit Geduld und mit dem Umgang der Marke sein. Da kenne ich auch noch die Scheuklappen-Methode, ein paar Mal davon gehört von Victoria Weber, die auch einen eigenen Podcast hat. Die meint, es gibt Phasen, wo du Dinge nicht die ganze Zeit hinterfragen solltest, sondern wo du mit Scheuklappen einfach Sachen umsetzen und machen musst. Dann wieder mit ein bisschen Geduld Daten und Erfahrungen sammeln und weiterkommen. Es hilft nicht immer, alles schneller und besser machen zu wollen. Ich klopfe mir gerade selber auf die Finger, weil ich da auch sehr oft verleitet bin, alles zu hinterfragen oder zu optimieren.
Vinz: Ich habe zu diesem Thema noch vier kleine Gedanken mitgebracht. Punkt 1: Man kann Wachstum oder Entwicklung nicht erzwingen. Man kann es schon versuchen, aber in der Regel macht es einem selber und allen Beteiligten das Leben schwer. Du kannst es nicht erzwingen, nicht bei einem Kind und auch nicht bei einer Marke. Du kannst es höchstens strategisch führen. Aber auch mit Geduld, mit dem nötigen Abstand. Du kannst fördern, führen, unterstützen — aber nicht künstlich beschleunigen, nur weil du ungeduldig bist oder das Gefühl hast, bis morgen muss das fertig sein. Es braucht halt einfach Zeit. Ein Vater zieht nicht jeden Tag an einer Pflanze und fragt, warum sie noch nicht grösser ist. Oder sagt dem Kind nicht, warum es noch nicht so gut Fussball spielt. Du musst dir die Zeit nehmen, dem Kind das zu zeigen. Oder, wie du gesagt hast, die Pflanzen zu giessen. Zu pflegen. Das Gleiche gilt für Unternehmen und Marken. Viele schlagen ständig neue Richtungen ein — vielleicht wegen Trends, vielleicht weil sie schauen, was die Konkurrenz macht. Ständig neue Ideen, anstatt das Bestehende zu schärfen und weiterzuentwickeln. Sie wollen immer etwas Neues, weil sie das Gefühl haben, was sie haben, ist nicht gut genug. Das heisst in der Regel: keine Linie, keine Ruhe, kein Vertrauen — weder in sich selbst noch in die Marke noch ins Kind. Ich finde, Geduld hat viel mit Vertrauen zu tun. Weil Vertrauen in der Regel auch eine gewisse innere Ruhe gibt.
Paul: Dazu kommt noch der Aspekt, das Ganze aus der Perspektive des Kindes heraus zu denken. Wie überfordernd wäre das, wenn du dein Kind die ganze Zeit mit anderen Kindern vergleichst oder unter Druck setzt, ohne deine eigenen Erwartungen reflektiert zu haben? Es geht darum, aus der Perspektive des Kindes — oder dann der Marke — zu überlegen: Was braucht die Marke oder das Kind aktuell, um wachsen und gedeihen zu können? Und da gibt es, aus der Erfahrung mit Kindern, immer wieder Phasen, wo manche Sachen einfacher gehen und andere schwerer laufen. Manchmal ist das Einschlafen ein grosses Thema, dann wieder überhaupt nicht. Dann ist das Essen das Thema. Je nachdem kann man sich dann einem solchen Thema widmen oder einfach Geduld reinbringen und sagen: Bis sie erwachsen sind, wird sich das alles verwachsen. Und bei der Marke ist es manchmal auch so — mit Geduld und mit der Zeit lösen sich bestimmte Dinge auf, die einen gerade beschäftigen. Ich habe da noch ein Bild im Kopf. Eine kleine Comic-Illustration, die zeigt, wie gross einem Probleme im Jetzt erscheinen. So gigantische Steinkugeln, unter denen man fast erdrückt wird. Und dann mit der Perspektive: Wie sieht das Ganze in einem Monat aus? Dann ist es immer noch eine recht grosse Kugel. Aber in einem Jahr ist es eigentlich nur noch ein Stein, über den man drüberschauen kann. Er ist noch da, aber wird immer kleiner. Und in zehn Jahren ist es ein kleiner Kiesel, der fast keine Bedeutung mehr hat.
Vinz: Meistens ist es schon eine Woche später anders. Es braucht nicht einmal ein Jahr für das meiste — in der Regel reichen zwei Tage oder eine Woche.
Paul: Das stimmt. Und dann sind die Sachen gegessen und vergessen. Das ist auch das Schöne. Kinder sind unglaublich vergebend. Sie wollen den Grossteil des Alltags mit dir kooperieren, gemeinsam etwas erschaffen und vor allem gemocht werden. Das darf man bei dem Ganzen nicht vergessen: Man arbeitet nicht gegeneinander. Das Kind macht das nicht, um einen zu ärgern. Genauso wenig kann eine Marke etwas tun, um einen zu ärgern. Du bist selbst dafür verantwortlich, was du reingibst und was du entsprechend zurückbekommst.
Vinz: Ja, das führt direkt zu Punkt 2: Investiere, anstatt immer nur zu fordern. Als guter Vater oder gute Eltern solltest du Potenzial sehen. Und als Unternehmer und Unternehmerin eigentlich auch. Nicht denken: Was bringt mir diese Person jetzt sofort? Sondern: Was könnte entstehen, wenn ich in einen Bereich der Marke investiere, wenn ich einfach etwas gebe, bevor ich immer nur will? Ein Kind lernt nicht durch Druck, zu vertrauen. Und Mitarbeiter auch nicht. Vertrauen entsteht in der Regel durch Verantwortung geben, Fehler zulassen, durch Zuhören und Ernstnehmen. Das sind Punkte, die auch viel Geduld brauchen. Aber genau dadurch entsteht Wachstum und vor allem Loyalität und eine gesunde Bindung.
Paul: Ja, dazu kommt noch der Aspekt der Teilhabe. Ich achte immer sehr darauf, Kinder in den Alltag einzubeziehen. Ich habe erlebt, dass Kindern nicht gesagt wird, wo man hingeht — man packt sie einfach ins Auto und fährt irgendwo hin. Natürlich wollen die dann in dem Moment etwas anderes. Aber es geht auch anders: indem du weisst, welche Bedürfnisse das Kind mitbringt, darauf eingehen kannst und einen Ausflug oder was auch immer gemeinsam vorbereitest oder darüber sprichst. Auch fragen: Was wünschst du dir gerade? Das ist das Programm, das haben wir vor. Man kann auch Dinge erklären. Kinder können das nachvollziehen. Sie verstehen, dass es bestimmte Dinge gibt, die man tun muss, um ein grösseres Ziel zu erreichen. Und deswegen kooperieren sie, machen mit — aber du musst mit ihnen reden. Und genau das Gleiche gilt beim Team. Wenn du willst, dass dein Team die Marke lebt und aktiv mitträgt, dann beziehe die Leute in die Prozesse ein. Lass sie wissen, warum bestimmte Aspekte besonders wichtig oder entscheidend sind. Und hör ihnen zu, was sie auf dem Weg brauchen. Ob sie noch Unterstützung brauchen, mehr Zeit oder vielleicht sogar einen besseren Weg kennen. Das erlebe ich auch immer wieder mit Kindern — die kommen auf eigene Ideen. Und dann ist für mich das Abwägen: Ziehe ich meinen Stiefel durch und will recht haben? Oder sage ich: Das Kind hat gerade recht, die dürfen entscheiden, wie es weitergeht. Der grosse Plan steht dadurch nicht ausser Gefahr. Wir kommen immer noch an, aber wir machen den kleinen Abstecher. Dieses ausgeglichene Reagieren auf eine Situation, mit dem Ziel vor Augen — das ist noch ganz wichtig.
Vinz: Ja, das ist der dritte Punkt, den ich hier ausgeschrieben habe. Quasi die Schnittstelle zwischen klar sein, Linien haben, aber auch fair sein und vor allem Toleranz zeigen. Als Vater musst du klare Grenzen setzen. Als Unternehmer und Unternehmerin auch. Aber das heisst nicht, dass man arschlich sein muss oder dass gar nichts mehr geht. Es ist das Zusammenspiel aus beidem. Wenn mein Sohn etwas anstellt, explodiere ich nicht gleich und schiesse ihn zusammen. Aber ich ignoriere es auch nicht. Ich spreche es an und schaue, was zurückkommt. Dann einfach ruhig bleiben und erklären. Aber auch direkt ansprechen. Ich bin kein Fan von übermässig emotionalem Umgang — das heisst aber nicht, dass ich ein gefühlskalter Kerl bin. Einfach offen, ehrlich und transparent kommunizieren. Man soll wissen, wo man steht. Alles andere drückt sich darum. Das ist meine persönliche Meinung. Es gibt natürlich unzählige Stile, wie man das handhaben kann. Aber ich finde, das Gleiche gilt für Mitarbeiter, für Kunden und auch für die Art und Weise, wie deine Marke funktioniert und agiert. Menschen — auch Kinder — brauchen generell Struktur. Denn ohne Struktur macht jeder, was er will. Und das mündet irgendwann in Chaos oder Frustration. Ich habe es mal so zusammenzufassen versucht: Geduld ohne Klarheit macht weich. Aber Härte ohne Verstand macht kalt. Und jedes Extrem ist schlecht. Darum braucht es eine Balance zwischen Struktur, Fairness und einer gewissen Flexibilität. Wie du gesagt hast: Man braucht einen Plan, aber man kann auch mal fünf Grad abweichen, wenn man einen Zwischenstopp macht, weil die Kids gerade voll im Flow sind. Das Gleiche gilt für die Leute im Unternehmen.
Paul: Ja, du hast es schon alles angesprochen. Es ist dieser Mix aus kleinen Regeln, die wichtig sind, damit ein Familienalltag funktionieren kann. Dazu gehört zum Beispiel, dass man sich vor dem Essen die Hände wäscht. Das wird einfach geübt. Wenn das mal nicht passiert, geht die Welt nicht unter. Darum geht es auch gar nicht. Aber es geht darum, dass alle wissen, dass es diese Regeln gibt — und warum es sie gibt. Ausgehend von diesem grossen Ziel: Wir wollen alle, dass unsere Kinder gesund und glücklich aufwachsen und alle Möglichkeiten mitbekommen, zu selbstbestimmten erwachsenen Menschen heranzureifen. Was brauchen die auf dem Weg? Und warum machen die manchmal Sachen, die wir überhaupt nicht nachvollziehen können? Das passiert alles. Aber ich finde es so wichtig, dann ins Gespräch zu kommen. Nicht einfach zu urteilen, weil sie unser Konzept von der Welt nicht kennen. Indem man mit ihnen darüber redet, erfährt man, welches Bedürfnis sie gerade haben. Warum ticken sie gerade aus? Warum machen sie Rabatz im Wohnzimmer, wenn du Ruhe willst? Wie findet man eine gemeinsame Lösung? Vielleicht wissen sie nicht, dass dir in dem Moment Ruhe wichtig ist. Oder sie hatten einfach einen verdammt anstrengenden Tag und sind überfordert. Für alles gibt es eine Lösung. Und die beginnt meistens damit, dass man zuhört, darüber redet und dann gemeinsam einen Kompromiss findet. Das andere Extrem ist diese kalte Härte und das Bestrafen. Auch Bestrafungen können Kinder nicht wirklich nachvollziehen. Fünf Minuten in die Ecke schicken und sagen: Denk jetzt nach, was du getan hast. Das sind kleine Kinder, die brauchen ein Gespräch. Dieses Miteinander-Reden und eine Lösung finden — all das kannst du eins zu eins auf dein Team zurückführen. Wie wir mit Kindern umgehen, das ist eigentlich die Schule fürs Leben, wie man mit anderen Menschen umgehen kann.
Vinz: Hm.
Paul: Und das ist genauso wichtig: Wenn ich das Gefühl habe, Mitarbeiterin oder Mitarbeiter XY hat gerade absoluten Mist gebaut — ich kann jetzt durch den Gang laufen, laut fluchen und sagen, das ist alles beschissen, warum tut ihr mir das an. Oder ich frage nach, wie das passiert ist, was dahinter steckt, und dann finden wir eine Lösung. Kannst dreimal raten, was der bessere Weg ist. Letzteres hilft langfristig mehr.
Vinz: Gut. Wobei — das kommt auch darauf an. Bei den ersten zwei Malen ist es noch okay. Aber wenn immer wieder dasselbe geboten wird, dann kannst du auch mal auf den Tisch klopfen. Weisst du, was ich meine?
Paul: Ja klar. Dann kannst du eine neue Grenze einziehen und sagen: Pass mal auf, das gibt es bei uns nicht. Drohungen bei Kindern finde ich semi-effektiv. Bin kein grosser Fan davon und mache es trotzdem manchmal, ich bin auch damit gross geworden. Aber es geht letztlich um Konsequenz. Kinder und Leute merken, wenn eine Drohung leer ist. Ich habe das schon bei anderen Eltern beobachtet, die die ganze Zeit sagen: Wenn du jetzt nicht vom Spielplatz kommst, dann passiert XY. Und das Kind denkt: Das passiert doch eh nicht. Die machen dann nicht mit, weil sie wissen, es ist eine völlig leere Drohung. In fünf Minuten ist es vergessen. Und das nimmt kein Kind mehr ernst. Genauso werden es Angestellte nicht ernst nehmen. Das hängt viel damit zusammen, was man im Umgang miteinander gewohnt ist.
Vinz: Genau. Das ist auch eine gute Überleitung zum letzten Punkt, Punkt 4. Und zwar ist das wieder eine Binsenwahrheit für viele: Ruhig bleiben, wenn es hektisch wird. Es klingt so einfach, aber es ist etwas vom Schwierigsten. In gewissen Situationen würde man am liebsten einfach Plätze verteilen — aber es nützt nichts. Wenn man stattdessen einen Schritt zurückgeht, kurz durchschnauft, den Moment sacken lässt und dann wieder reingeht — das macht den Unterschied. Das machen aber auch viele Marken falsch. Wenn es schwierig wird, wenn sich der Markt dreht, Aufträge fehlen oder Mitarbeiter kündigen, dann wird alles hektisch. Man fängt an, Haruck-Aktionen aus der Hüfte zu schiessen. Eine neue Ausrichtung, eine neue Strategie. Alles neu. Das Gleiche passiert Eltern, wenn es mal kriselt. Was sollte man stattdessen machen? Präsent bleiben, klar bleiben, ruhig bleiben. Weil alles andere in der Regel verschlimmert. Sich nicht vom Kurs entfernen. Einfach — so kitschig es klingt — wie ein Fels bleiben, egal ob als Elternteil oder als Marke.
Paul: Diesen kühlen Kopf bewahren. Da muss ich daran denken, dass alle Emotionen letztlich chemische Prozesse im Körper sind, die kurz ausbrechen. Und dann ist es wie bei den stoischen Grundprinzipien die Frage: Lege ich mich jetzt da rein in diese Wut und bin dann die nächste Stunde wütend? Oder lasse ich das von dannen ziehen, atme fünfmal tief durch, warte die halbe Minute — und dann schwillt dieser Cocktail im Körper wieder ab. Und du kannst dich auf die Situation fokussieren. Der andere Aspekt: Ruh in dir selbst. Das ist der Moment, wo parallel aufkocht: Ich muss die Steuererklärung machen, ich muss noch einen Termin abmachen, eine Mail wartet — und du Kind bist jetzt da und nervst. Was soll das? Genau.
Vinz: Ja. Ich glaube, es sind 90 Sekunden, wenn eine Emotion aufkocht. Und alles, was danach kommt, ist die eigene Entscheidung. Bleibt man drin oder geht man einfach weiter?
Paul: Irgendso was. Ungefähr eine Minute. Und auch da — alle haben unterschiedliche Techniken, damit umzugehen. Da gibt es kein Richtig und kein Falsch. Wenn dir hilft, kurz das Fenster aufzumachen und in die Ferne zu schauen, dann mach das. Das tut allen gut. Ich musste gerade noch an eine Anekdote aus der Formel 1 denken. Da gab es den interessanten Vergleich zwischen zwei Teamchefs. Der eine, Flavio Briatore, ein alter italienischer Macher. Der kommt an und sagt: Wenn du mein Auto kaputt machst, dann mache ich dich kaputt. Das andere Extrem war Toto Wolff, Teamchef von Mercedes. Sein Fahrer hatte das Rennen vermasselt, und er ist auf ihn zugegangen und meinte: »Guck mal, denk daran zurück, was wir geübt haben. Denk an die Trainingsdaten. Komm, wir analysieren das gemeinsam.« Er war überhaupt nicht böse. Er meinte: Was passiert, passiert. Wir schauen, was hast du gelernt, was können wir beim nächsten Mal anders machen. Fokussier dich auf das, was wir x-mal durchgegangen sind. Und dann lassen wir diese Situation sein. So kannst du auch mit Konflikten im Nachgang umgehen und deine Lösung finden.
Vinz: Hm.
Paul: Noch da: Drohungen führen zu nichts. Das andere ist keine Drohung, sondern eine klare Regel ziehen und besprechen, wie man in Zukunft mit so einer Situation umgeht. Das kann auch vorbeugen. Wenn Süssigkeiten an der Kasse jedes Mal ein Problem sind — du weisst, dass die da stehen. Find mit deinem Kind einen Umgang damit. Es ist keine Lösung, dass du jedes Mal ausrastest und trotzdem jede Woche einkaufen gehst.
Vinz: Ja, kann ich nur unterschreiben. Ich habe eigentlich sonst nichts mehr — ausser dem standardmässigen Kalenderspruch am Schluss. Einen gibt es noch: Egal ob Kinder, Menschen oder Marke — die besten Sachen wachsen nicht über Nacht. Aber sie wachsen oft genau dann, wenn man geduldig genug war, dranzubleiben.
Paul: Sehr schön gesagt. Und wenn ihr, die uns da draussen zuhören, mehr Brand Fathers Folgen hören wollt — kommentiert mal, schreibt uns auch eine persönliche Nachricht. Wir freuen uns auf jeden Fall über eure Rückmeldungen, denn dann machen wir mehr davon. Wenn ihr sonst Fragen zu einem bestimmten Thema habt, immer her damit — wir freuen uns, darauf eingehen zu können. Wir haben schon ein bisschen in Planung, was wir sonst noch alles ausprobieren können. Also darf man gespannt bleiben und reinhören. Lohnt sich tatsächlich.
Vinz: Danke vielmal und bis zum nächsten Mal.
Paul: Danke dir, Vinz. Bis dahin, ciao!






































































































