Branding ist die Summe aller Teile (und du vergisst die Hälfte)
- Paul Stolle

- 10. Apr. 2025
- 14 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Dez. 2025
Warum Branding mehr ist als Logo, Website und Farben — Branding ist die Summe aller Teile
Viele glauben, Branding sei das, was man sieht. Logo. Farben. Schrift. Website. Das ist bequem – aber falsch.
Branding entsteht nicht durch Einzelmassnahmen, sondern durch das Zusammenspiel aller Berührungspunkte, die Menschen mit deinem Unternehmen haben. Und genau dort liegt das Problem: Die Hälfte davon wird ignoriert.
Was du mitnimmst
Branding ist die Summe aller Kontaktpunkte – nicht nur der sichtbaren.
Design ist nur ein Teil des Ganzen, nicht der Kern.
Service, Sprache, Verhalten und Prozesse prägen Vertrauen stärker als jede Farbpalette.
Marken wirken auch dort, wo du nicht bewusst „kommunizierst“.
Widersprüche zwischen Auftritt und Verhalten zerstören Glaubwürdigkeit.
Gute Marken sind konsistent – über alle Ebenen hinweg.
Wer nur an der Oberfläche arbeitet, verpasst die eigentliche Wirkung.
Warum das wichtig ist
Marken scheitern selten an schlechtem Design. Sie scheitern daran, dass das Design etwas verspricht, was Verhalten, Service oder Kommunikation nicht halten. Du kannst nach aussen Hochwertigkeit zeigen – wenn der Support mies ist, wirkt die Marke trotzdem billig.
Branding ist kein Projekt. Es ist ein System. Marken scheitern selten an schlechtem Design. Sie scheitern daran, dass das Design etwas verspricht, was Verhalten, Service oder Kommunikation nicht halten. Du kannst nach aussen Hochwertigkeit zeigen – wenn der Support mies ist, wirkt die Marke trotzdem billig. Branding ist kein Projekt. Es ist ein System.
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Wenn du verstehen willst, warum Branding nicht bei der Website aufhört, weshalb Service, Prozesse und Haltung genauso Teil deiner Marke sind und wieso viele Unternehmen genau dort scheitern, dann hör dir die ganze Folge an – auf Spotify oder YouTube.

Das Transkript zu E004
Paul:
Vinz, ich habe ein neues Thema mitgebracht: Ein gutes Branding ist die Summe aller Teile. Und es sind mehr Teile, als du auf Anhieb denkst. Es ist auf jeden Fall mehr als Logo, hast du dir wahrscheinlich schon gedacht, aber sogar noch mal einen Tick mehr als die üblichen Branding-Elemente. Es ist wirklich die Summe aller Teile, und die macht eine richtig gute Marke aus. Was denkst du dazu?
Vinz:
Hm, also hallo Paul. Spannendes Thema natürlich, wie immer. So wie ich dich kenne, sind es sehr viele Teile. Was ich jetzt schon spontan im Kopf habe: sicher mal so die groben Teile. Natürlich Strategien, die in verschiedenen Bereichen gegliedert sind. Wie zum Beispiel Positionierung oder … generell so ein bisschen die Substanz einer Marke. Purpose, wie man dann mal sagt. Genau.
Paul:
Endlos viele.
Aber woran würdest du denn am Anfang denken? Was macht für dich eine Marke aus? Die Teile, die für dich am relevantesten sind.
Vinz:
Die Marke … es ist immer ein bisschen das zweischneidige Schwert. Design ist das, was einem sicher zuerst in die Augen springt. Aber natürlich auch die Emotionen dahinter. Schlussendlich: Branding ist ja eine Emotion. Es ist der Eindruck, der Gesamteindruck, den du als Marke übermittelst.
Ich finde es schwierig, wenn du gerade so fragst. Für jeden sind gewisse Dinge in der Wahrnehmung wichtiger.
Paul:
Ja, man kann es super unterschiedlich aufteilen und aufgliedern. Aus Kundensicht ist es das eine, aus unserer Sicht ist es eh was ganz anderes, aus Unternehmenssicht nochmal.
Vinz:
Genau. Darum ist das eh mega vielfältig, wie eine Persönlichkeit an sich. Ich vergleiche es immer gerne: Eine Marke ist wie eine reale Person. Und jede Person hat so viele Facetten – Interessen, Hobbys, Stil, Sprache, Auftreten und so weiter. Und das Gleiche versucht man bei einer Markenentwicklung für ein Unternehmen in dem Sinn zu generieren. Dass das genauso ankommt bei den Menschen, wie wenn du als Person denen gegenüberstehst.
Paul:
Wobei ich immer sagen würde, Unternehmen sind gar nicht gesichtslos. Gefühlt sind das alles Menschen, die da arbeiten, und die ziehen sich dann diese Unternehmensmaske über und tun so: «Willkommen bei uns, wir sind ein offizielles Unternehmen.» Am besten noch mit dem «Schrieb» vorne drauf.
«Willkommen auf unserer Website», wo ich mir denke: Leute, ich bin ja auf eurer Website. Natürlich weiss ich, dass das eure Website ist. Ihr müsst mich da nicht willkommen heissen. Sagt mir doch einfach, was ihr macht, und gebt mir ein Gefühl, wie ihr drauf seid.
Vinz:
Genau. Nein, die sind nicht gesichtslos.
Paul:
Vielleicht können wir damit anfangen. Was wäre es denn bei dir aus Kundensicht? Diese Summe aller Teile von einer guten Marke? Du meintest ja gerade: Das Erste, was man sieht, ist immer das Visuelle. Also Farbe, Schrift, vermittelt eine Stimmung.
Vinz:
Ja. Heisst: Ich schaue zuerst, passt es optisch oder nicht. Sorry, wir sind Menschen. Wenn das nicht jeder macht, dann lügst du dir an Schnur. Aber mittlerweile ist es ja so: Alle Menschen sind durch dieses Bombardement an visuellen Reizen, Eindrücken, tagtäglich – Social Media, Fernsehen, was auch immer – auf einem gewissen Level an Affinität. Das heisst: Der visuelle Auftritt ist nach wie vor sehr wichtig.
Wenn ich an mich denke: Ich will irgendetwas in einem Online-Shop kaufen, und ich merke in den ersten zehn Sekunden: Alter, das sieht aus wie Arsch. Dann ist das entweder shady, ein Scam oder einfach nicht professionell.
Paul:
Übrigens, sehr guter Test: Überleg dir mal beim iPhone, du nimmst den Apfel weg. Dann ist es einfach ein viel zu überteuertes Telefon. Und dann denkst du: Was will diese gesichtslose Marke?
Letztlich macht dieses Apple-Zeichen den Wert hinter diesem ganz normalen Telefon aus, so wie jedes andere auch. Es hat Kameras, ein Display, einen Chip, einen Akku – die grundlegenden Funktionen. Technisch nehmen sich ja viele Dinge nicht so stark.
Und gleichzeitig: Sobald dieser Apfel hinten drauf ist, hat das Ding auf einmal einen Wert. Genauso wie das Goldene bei McDonald’s. Wenn du das austauschen würdest – nur vom Geschmack her würdest du Burger King und McDonald’s wahrscheinlich nicht unterscheiden können, ausser du bist Hardcore-Fan. Ich würde es nicht auf Anhieb unterscheiden.
Sprich, du könntest das Optische komplett tauschen. Aber das Optische wiederum – also sowas wie das Goldene von McDonald’s – führt dazu, dass ich damit direkt ganz viele Dinge assoziiere. Ich weiss nicht mehr, wer das zusammengefasst hat: Du hast einerseits dieses Emotionale, was die Marke ausmacht. Und auf der anderen Seite die Markenelemente, die einen Wert haben.
Bei den grossen Marken kannst du es sehen: der Swoosh von Nike, das Goldene von McDonald’s, der Apfel von Apple. Diese Symbole haben mittlerweile Wert. Das sind essenzielle Teile. Deswegen ist Design schon wichtig, wenn du dich richtig gross etablieren möchtest.
Vinz:
Ja, aber Design ist ja nicht nur das Logo. Es gibt ja so viele Posts auf Social Media, die das Logo weglassen. Und dann siehst du nur die Farben oder das Layout – ein Preisschild von Ikea zum Beispiel. Also auf das alleine kannst du es nicht reduzieren. Vielleicht oberflächlich schon.
Und um beim iPhone zu bleiben: Für mich ist da auch die designte Nutzererfahrung entscheidend. Und Apple ist da etwas ganz anderes als ein Samsung oder generell Android. Wenn du einmal daran gewöhnt bist …
Also: Der erste Eindruck im Design passt – boah cool – und dann gehst du weiter. Dann ist es für mich eine Mischung aus Information – du suchst ja aktiv etwas – und wie findest du die Informationen, die du suchst. Also Kommunikation, aber auch Nutzererlebnis.
Das ist das Gleiche in der Kommunikation generell: Wenn du ein iPhone suchst, hast du keinen Bock, einen Roman zu lesen à la «Willkommen, wir sind die, uns gibt es seit 200 Jahren, wir sind spezialisiert und wir machen mega viel». Wenn das Erste ist «Wir sind, wir sind, wir sind» – das ist mir als Nutzer scheissegal. Ich will wissen: Was kriege ich da, und warum soll ich mir jetzt die Mühe machen, weiterzuscrollen?
Dort verkacken es mega viele.
Paul:
Jetzt sind wir schon fast weiter weg, aber eigentlich hast du die Antwort schon gegeben. Neben Design – erster Eindruck, Stimmung – ist es diese Wirkung, die du spürst, sobald du eine Seite aufmachst oder einen Laden betrittst oder mit dem Unternehmen interagierst. Und sei es, dass du anrufst und direkt die erste Stimme am Telefon hast.
Ich habe das erst letzte Woche erlebt: Ich musste eine Versicherung anrufen. Und das Erste, was ich höre, war so eine verzerrte, fast klassische KI-Stimme, die mich begrüsst und mir zehn Sachen abfragt. Ich soll die richtige Taste drücken zum Thema, wo ich hinwill. Und auch das ist eine Erfahrung mit diesem abstrakten Unternehmen. Und auch das ist Teil der Marke.
Und du hast von Erlebnissen gesprochen: All das sind Erlebnisse, die zum grossen Teil unbewusst passieren.
Vinz:
Mhm.
Aber das, was du ansprichst, fällt mir je länger, je mehr auf. Zum Beispiel bei meiner Wohnungsverwaltung: Du rufst an, KI-Stimme, fünfmal Taste drücken, bis du endlich bei jemandem bist. Und dann vermittelt dich die Person wieder irgendwohin. Das ist so mühsam!
Und ich muss ehrlich sagen: Ich glaube, wir sind mittlerweile an einem Peak, wo das die Leute richtig hart abfuckt. Dieses Künstliche. Kein Bezug mehr zum Menschen. Nicht greifbar, nicht nahbar, nicht echt. Nur noch gestellt und irgendwie falsch.
Paul:
Das ist ein superspannender Punkt. Aus dieser Verbraucherposition hast du das Visuelle, das eine Wirkung hinterlässt. Dann das, was du spürst: Wie wird mit dir umgegangen? Und dann der nächste Punkt: das Verhalten.
Die Wirkung entsteht ja, weil irgendjemand sich verhält. Und es ist ein Riesenunterschied, wenn mir eine Versicherung auf der Website verkauft: «Wir sind menschennah, wir sind serviceorientiert», und du rufst an und hast eine KI-Stimme. Dann ist das weder serviceorientiert noch menschennah, weil es in erster Linie umständlich ist.
Das ist Verhalten. Und das hinterlässt genauso unbewusst eine Wirkung. Und ich glaube, das ist vielen nicht bewusst: Beim Branding wird immer so getan: Schau, wie du wirken möchtest. Aber was vergessen wird: Wenn du das definiert hast, musst du dich auch entsprechend verhalten. Sonst geht’s nicht auf.
Du kannst nicht sagen «Wir sind super cool» und dann behandelst du deine Mitarbeitenden beschissen. Dann hast du schlechten Service.
Vinz:
Ja, das passiert im grossen wie im kleinen Unternehmen. Oder auch schon, wenn du Einzelperson bist: Auf der Website predigst du den Standard-Bullshit: «Ich bin super, ich bin der Beste, der Einzige, professionell, effizient.» Und wenn man dir ein Mail schreibt, hört man eine Woche nichts. Sorry, dann hast du die Regeln nicht verstanden.
Paul:
Ja, dann schreib es entweder nicht hin oder mach es anders. Gehört beides dazu. Und du musst es ja nicht mal schreiben. Es zwingt dich ja keiner.
Und ohnehin: Das sind so Bullshit-Floskeln. «Wir sind innovativ, wir sind serviceorientiert.» Willkommen in 2025. Das ist doch irgendwann Standard, oder? Ein Unternehmen, das bewusst nicht innovativ ist, kenne ich nicht. Und eines, das bewusst nicht serviceorientiert ist, kenne ich auch nicht.
Guter Trick: Wenn du so eine Leitlinie hast – «wir sind serviceorientiert» – frag dich: Würde das Gegenteil Sinn ergeben? «Wir sind nicht serviceorientiert.» Nein. Also nimm dir einen anderen Punkt raus, der wirklich eine Leitlinie ist.
Aber es sind immer noch nicht alle Teile, die ich meine. Es ist noch mehr.
Was fällt dir noch ein? Wir haben aus Verbrauchersicht: visueller Eindruck, Wirkung, Verhalten. Damit ist schon viel abgedeckt. Aber ich finde immer noch: Das Produkt muss standhalten.
Ist cool, wenn bisher alles stimmt, aber wenn das iPhone nicht funktioniert, dann hält das Produkt nicht, was es verspricht. Service ist ein Riesenpunkt. Und manchmal sind Dinge auch unfair: Wenn die Post Mist baut und ein Paket zerstört oder verspätet ankommt, färbt das negativ auf dich als Unternehmen ab, auch wenn du nichts dafür kannst. Dieses Umfeld rund ums Unternehmen musst du mit beeinflussen, oder zumindest gut damit umgehen.
Damit sind viele Faktoren aus Konsumentensicht abgedeckt. Würde dir noch was einfallen?
Vinz:
Vielleicht auch, dass man ernst genommen wird. Also dass man den Dialog vom Kunden oder Nutzer respektiert – und auch wirklich einfordert.
Du kriegst mittlerweile bei jedem Magazin-Abo oder bei jedem Service laufend E-Mails: «Bitte bewertet unseren Service.» Und solange es gute Bewertungen sind, ist alles okay. Aber wenn du mal eine schlechte Bewertung schreibst – auch auf Google – kriegst du oft nur so eine Standard-Copy-Paste-Antwort. Aber machen tun sie nichts. Sie schauen nicht hin.
Und eigentlich sind das genau die Bewertungen, die am wichtigsten wären. Es bringt dir nichts, wenn alle sagen «mega cool». Aber wenn sich jemand Zeit nimmt und sagt: «Schau, ist gut, aber das war nicht zufriedenstellend» – dann solltest du genau dort hinschauen.
Klar, viele sind einfach wütende Wutbürger. Aber man merkt, wenn es ehrliche Kritik ist. Dann sollte man das ernst nehmen und umsetzen. Das ist vermutlich noch ein wichtiger Punkt.
Paul:
Ja, das ist ja auch Interaktion mit der Zielgruppe: nachfragen, zuhören, rausfinden, was die wirklich wollen, auf die Leute eingehen. Dieses «ernst genommen werden» ist super.
Vinz:
Und das Gleiche ist dann auch intern im Unternehmen. Jetzt haben wir alles aus Konsumentensicht angeschaut – aber intern ist es ja genau das Gleiche, einfach mit den Mitarbeitenden. Die halten ein Unternehmen am Leben.
Paul:
Endlich! Jetzt geht’s.
Vinz:
Wenn es deinen Mitarbeitenden nicht gut geht, wenn sie nicht zufrieden sind oder sich nicht mit dem Unternehmen identifizieren können, dann machst du etwas falsch. Nur schon ein Beispiel: In meiner Nische geht es vielen so – die gehen unter in Arbeit, Luxusproblem. Aber gleichzeitig finden sie keine Leute. Dann heisst es nur: «Es hat keine Leute» oder «die Jungen wollen nicht».
Aber sie vergessen die Leute, die sie schon haben. Die werden in 99 Prozent der Fälle einfach verdonnert, noch mehr zu machen und noch mehr – über längere Zeit. Das ist die Formel für Misserfolg. Das verbläst dich irgendwann. Und dann sind sie verwundert, warum einer nach dem anderen kündigt.
Dabei ist es doch nicht so schwierig: Intern mal fragen, was ist gut, was ist schlecht, Feedback reinholen – wie beim Konsumenten auch – und das ernst nehmen und umsetzen.
Paul:
Ja, absolut. Hat auch viel mit Führung zu tun. Irgendjemand hat das Sagen. Und solange die Person es nicht schafft, dem Team zuzuhören und rauszufinden: Was beschäftigt die? Was brauchen die, um richtig gut arbeiten zu können? Und gleichzeitig eine Richtung vorzugeben – oder wenigstens in Worte zu fassen, wofür wir stehen – wird das schwierig.
Ich nutze immer das Beispiel: Wenn Unternehmen zu Markenworkshops kommen, frage ich am Anfang, wenn es ein kleineres Team ist: Wie würdet ihr auf einer Party einer unbekannten Person erzählen, was ihr macht und wofür euer Unternehmen steht?
Wenn du fünf Leute hast und du kriegst fünf unterschiedliche Antworten, hast du ein Problem. Dann musst du zuhören und rausfinden: Warum antwortet ihr alle anders? Was glaubt ihr denn, was wir hier überhaupt sind?
Und wenn das nicht definiert ist, wie soll sich irgendwas positiv entwickeln? Dieses ganze Interne ist die Basis dafür, dass extern alles richtig gut läuft.
Wenn du willst, dass die Leute guten Service machen, dann gib ihnen das Gefühl, dass du sie ernst nimmst. Dass Service wichtig ist. Dass du das schätzt. Und dass sie wissen, wofür ihr steht – und wofür eben nicht.
Und auch: Dass ihr bewusst eine Zielgruppe erreicht. Nicht nur fürs Geld, sondern um Klarheit herzustellen. Und um deinen Mitarbeitenden nicht aufzuzwingen, sich um jedes Problem dieser Welt zu kümmern. Das ist unmöglich. All das spielt eine riesige Rolle.
Vinz:
Ja, wobei – wir sind jetzt ziemlich tief drin. Grosskonzerne wie Apple oder andere Tech-Unternehmen lassen auch billig in China produzieren und so weiter. Da ist Ethik manchmal scheissegal. Und die machen trotzdem Kohle ohne Ende.
Aber schlussendlich: Gerade bei mittelständischen Unternehmen oder überhaupt bei realen Unternehmen – es ist doch nichts logischer, als zu schauen, dass es deinen Leuten gut geht. Dann geht es deinem Unternehmen gut, weil es deinen Kunden auch gut geht.
Beispiel Gastronomie: Du musst dich nicht wundern, wenn eine ganze Branche je länger, je mehr am Arsch ist, wenn du deine Angestellten wie Hunde behandelst und bezahlst wie Knechte. Wie sollte da irgendwer motiviert sein?
Allen wird das Blaue vom Himmel versprochen. Aber nach einem halben Jahr merkt doch jeder, dass er nur eine Nummer ist und eigentlich nur noch krüppelt, um dem Chef zu gefallen.
Paul:
Ja, genau. Und das ist ein perfektes Beispiel. Wenn der Chef dich schlecht behandelt und du bist in der Gastro für den Service zuständig, dann machst du auch schlechten Service, weil du keine Motivation hast. Dann kriegst du schlecht Trinkgeld, und gefühlt ist das dein halbes Standbein.
Und umgekehrt: Wenn der Chef die Leute gut behandelt, machen die guten Service, weil sie wissen, es ist wichtig, dass es den Gästen gut geht. Und wenn es den Gästen gut geht, geben sie gut Trinkgeld.
Und für den Chef ist es doppelt gut: Wenn die Stimmung gut ist im Restaurant, machen deine Angestellten auch Werbung fürs Restaurant. Es kann mir keiner erzählen, dass es dir egal ist, wie deine Mitarbeitenden über dich als Unternehmen reden.
Das sind alles potenzielle Unternehmensbotschafterinnen. Die können zeigen, warum es gut ist, dass es euch gibt. Dann musst du keine Akquise machen und keine HR-Kampagnen starten. Du hast ein Team, alle haben ein Umfeld. Die kennen Menschen mit passenden Qualifikationen.
Lass die doch Werbung machen. Es gibt nichts Naheliegenderes, als zu sagen: «Hey Vinz, ich habe ein mega geiles Unternehmen. Du kennst jemanden? Frag doch mal, ob die Person sich das anschauen will.» Diese Begeisterung spürst du – als Kunde auch. Du spürst, ob das gespielt ist oder nicht.
Das waren fast die Summe aller Teile.
Wir haben extern aus Kundensicht geschaut und intern aus der Unternehmenssicht. Und wir selber definieren in Branding-Prozessen ganz viele von diesen Elementen. Die Standardelemente sind: Positionierung, Angebot, Verkauf, Service. Dann Markensubstanz: Warum gibt es euch? Was wollt ihr bewirken? Mission, Vision. Werte. Dann Kommunikation: Welche Geschichten erzählen wir? Dann Design. Dann Umsetzung.
Und ich habe neulich wieder in einem Workshop gemerkt: Dahinterstehend ist ein Kernelement immer die Organisation selber. Wie ist das Unternehmen aufgebaut? Wie arbeiten die Leute miteinander? Wie sind Abhängigkeiten? Interne Kommunikation? Wer ist wofür verantwortlich? Das spielt alles mit.
Du kannst nicht in einem Markenprozess eine Positionierung definieren und den internen Teil komplett ausklammern. Und deswegen ist es so schwierig, wenn Markenentwicklung in grossen Unternehmen in der Marketingabteilung abgetan wird und heisst: «Ihr macht Marketing, kümmert euch mal, dass es schön aussieht.» Weil die Marke eben die Summe aller Teile ist. Alle Mitarbeitenden, alle Abteilungen, alle Teams – alles muss ineinander passen.
Damit die Leute draussen mit jedem Kontaktpunkt ein richtig geiles Erlebnis haben. Darum sollte es dir gehen, weil du ja am Ende irgendwas verkaufen willst.
Deswegen: Summe aller Teile und mehr Teile als man denkt. Kleine Merkformel: alle Teile. Egal, was du jemals in deinem Unternehmen definiert hast – und sei es nur die Buchhaltung – alles ist relevant für Markenentwicklung. Alles auf den Tisch packen und dann besser machen.
Vinz:
Ja. Man muss halt auch schauen: Verbesserung ist oft gleichgesetzt mit Veränderung. Und das ist für viele wie ein Mammutprojekt. Viele sind sich dessen bewusst, aber es braucht Mittel und Ressourcen, um das überhaupt anzustossen. Weil jeder merkt: Wenn du einen Domino-Stein anstossst, bringt das eine Kette ins Laufen.
Und wenn es eine Firma seit 40 Jahren gibt und die hatte Erfolg, dann ist es verdammt schwer, aus so einem Trott auszubrechen. Aber wenn man nichts macht und sich nicht anpasst …
Und Anpassung heisst ja nicht, dass man alles komplett ändern muss. Oder alles machen wie andere. Es geht darum: Wer sind wir? Was sind unsere Kernwerte? Und wie können wir uns neuen Gegebenheiten so anpassen, dass wir damit klarkommen. Darum geht’s.
Paul:
Deswegen war mein Stichwort gerade: Bewusstsein. Du musst in erster Linie Bewusstsein schaffen. Das heisst nicht, dass du alles änderst. Es geht darum, alles auf den Tisch zu packen und zu überlegen: Welche Aspekte sind relevant, wo muss man nachbessern, und welche sind genauso gut?
Und das ist das Schöne: Die Hälfte unseres Jobs ist, hinter Dinge, die schon gut sind, einfach einen Haken zu machen. Und dann im Bild nach aussen nochmal herauszuarbeiten, wie man das Ganze transportieren, verpacken, kommunizieren kann.
Vinz:
Mhm. Ja. Wie kann man coole Geschichten spannen? Und, und, ja …
Paul:
Storytelling eigentlich. Eigentlich machen wir nur Storytelling – bloss anders.
Cool. Summe aller Teile. Hast du noch berühmte letzte Worte?
Vinz:
Ja. Schlussendlich: Es sind so viele Teile, du wirst nie alle aufzählen. Du kannst noch so an alles denken, es tauchen immer wieder neue Sachen auf. Und wenn du das Gefühl hast, du bist fertig, musst du unweigerlich wieder von vorne anfangen und schauen, dass es umgesetzt wird.
Und in den heutigen Zeiten, wo eh alles von heute auf morgen anders ist, musst du am Ball bleiben. Wie heisst das schön? Entweder gehst du mit der Zeit oder du gehst mit der Zeit. Behinderter Horror-Marketing-Spruch, aber er hat was.
Paul:
Ja, in manchen Sprüchen steckt ein bisschen Weisheit. Aber guter Punkt am Ende: Es ist wichtig, sich das Bewusstsein zu schaffen, dass so ein Prozess nie abgeschlossen ist – und nie abgeschlossen sein muss.
Du kannst für einen Moment Dinge entscheiden, dann kommt Neues hinzu, dann packst du das mit rein, und gut ist. Das Wichtigste ist: einfach machen. Bewusstsein dafür herstellen, dass egal was du tust, alles auf deine Marke einzahlt.
Und umgekehrt: Alles, was du mit der Marke definierst, hat Einfluss auf alles in deinem Unternehmen. Geben und Nehmen, Prozess.
Und ganz ehrlich: Wenn du ein Unternehmen hast, das seit ein paar Jahren oder Jahrzehnten besteht, entwickelt sich das automatisch weiter – auch wenn du es nicht möchtest. Oder es ist halt weg.
Einfach machen. Das ist das Wichtige.
Vinz:
Ja, jawohl.
Paul:
Einfach machen.
Vinz:
Gut, in dem Fall.
Paul:
Danke dir. Bin gespannt auf die nächsten Themen. Ebenfalls. Hau rein, Vinz.
Vinz:
Das bestand. Ciao!

































